"Aaron Pfundeisen",  Alle Texte,  Geschichten

ALTE GESCHICHTEN Prolog

Möglicherweise wird das so etwas wie ein Fortsetzungsroman… In letzter Zeit werden die Geschichten, die ich schreibe, immer länger. Von Kurzgeschichten sind wir schon ein ganz gutes Stück entfernt. Und deshalb dauert die Fertigstellung auch mitunter einige Jahre – denn das Ganze ist hier ja nur ein kleines Hobby-Projekt. Nun habe ich in meinem Kopf aber eine weitere neue Welt aufgetan, über die ich schreiben möchte. Aber dieses Mal mache ich das Kapitel für Kapitel. Und heute beginnen wir mit dem Prolog:

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Aaron Pfundeisen hatte schon mit acht Jahren seine ersten Erfahrungen mit dem Übersinnlichen sammeln können. Freilich hatte er die seltsamen Ereignisse damals noch nicht einzuordnen gewusst, denn die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen in einer kindlichen Wahrnehmung bekanntlich schnell einmal. Und Jahre später kann man nur noch vage erahnen, ob einer Kindheitserinnerung lediglich Träumerei oder wahrhaftig Erlebtes zugrunde liegt.

Aaron hatte die ihm schier endlos erscheinenden Sommerferien seiner Kindheit fast immer bei seinem Großvater auf dem „Antikhof Pfundeisen“ verbracht. Anton Pfundeisen hatte sich immer Zeit für seinen einzigen Enkel genommen, obwohl sein traditionsreiches Geschäft zu jener Zeit auf Hochtouren gelaufen war.

Und Anton Pfundeisen war darüber hinaus der beste Geschichtenerzähler gewesen, dem Aaron je begegnet war. Und zwar nicht nur damals, sondern bis zum heutigen Tag. Immer dann, wenn eine der mitreißenden Erzählungen von Anton Pfundeisen mit Höchstgeschwindigkeit auf das Finale zugesteuert war, hatte selbst die zahlungswilligste Kundschaft im Laden es nicht fertig gebracht, ihn aus der Ruhe oder gar aus dem Erzählfluss zu bringen. Er hatte sich diese leicht verschrobene Art aber auch ohne weiteres leisten können, denn sein Angebot an antiken Möbeln, Haushaltsgegenständen, Kunstobjekten und vor allem Kuriositäten war nicht nur in der Region, sondern weit darüber hinaus bekannt und begehrt gewesen.

Hinter dem alten Tresen mit der eisernen Handkurbelkasse hatte man in Sekundenbruchteilen, von der Kundschaft im Laden gänzlich unbemerkt, durch eine geheime Tapetendrehtür hindurch in ein kleines Büro verschwinden können. Den wunderschönen Mahagonischreibtisch hatte man allerdings vor lauter überquellenden Papieren und halb fertig restaurierten Kleinoden nur noch erahnen können. Vollkommen frei von jeglichem Papier und Unrat hatten sich dagegen die beiden stoffbezogenen Ohrensessel präsentiert. Mit ihren weichen Kissen waren sie stets der richtige Ort für eine kleine „Geschichtenpause“ gewesen.

Und eine Geschichtenpause hatte man aus den unterschiedlichsten Gründen dringend nötig haben können: Der Opa zum Beispiel meistens dann, wenn er nicht mehr im Stande gewesen war, ausreichend Geduld für die immer gleichen Fragen seiner Kunden aufzubringen. Sein Enkel hingegen immer dann, wenn er dieses ganz bestimmte Kribbeln verspürt hatte, dieses Gefühl von Lust und Neugier auf neue Abenteuer und wohligen Grusel. Also auf eine dieser geheimnisvollen Geschichten, von denen Aaron bis heute nicht genau wusste, ob sie wahr oder erfunden – oder ein bisschen von beidem waren.

Sie hatten von Gespenstern und Dämonen gehandelt, von unsichtbaren Welten und auf den Kopf gestellten Naturgesetzen. Von alten Zaubersprüchen, noch älteren Hexen und Magiern und von ruhelosen Seelen auf der Suche nach Erlösung. Und sie waren Aaron nie wieder aus dem Kopf gegangen. Auch heute schienen diese Geschichten immer noch ein Teil von ihm zu sein, obwohl er inzwischen schon längst ein junger Mann geworden war. Natürlich dachte er nicht Tag und Nacht darüber nach – doch immer wieder schlichen sich die Erzählungen aus der Kindheit in seine Träume ein. Gemischt mit den merkwürdigen Erlebnissen, die ihm auf dem Antikhof Pfundeisen mehr als nur einmal widerfahren waren. So wie in dieser einen Nacht, in der er mit diesem unangenehmen Durstgefühl aufgewacht war.

Der erwachsene Aaron schloss die Augen. Er tagträumte sich in Sekundenschnelle zurück in seine Kindheit auf dem Antikhof Pfundeisen. Er konnte sein altes Bett mit der durchgelegenen Matratze förmlich unter sich spüren. Er atmete durch die Nase tief ein und nahm deutlich den staubigen Geruch des kleinen Zimmers wahr, in dem er bei seinen Ferienbesuchen immer gewohnt hatte. In seinen Ohren erklang wie aus weiter Ferne das vertraute Geräusch der tickenden Wanduhr mit den bunten Tierfiguren. Und so erlebte er eben jene Nacht noch einmal mit allen Sinnen:

„Mist“, dachte der kleine Aaron gerade. „Ich habe meine Trinkflasche unten im Büro vergessen.“ Die Trinkflasche mit dem leckeren Kräutertee, der nicht nur gut schmeckte, sondern ihn auch besonders gut schlafen ließ. Er begann sorgfältig abzuwägen, was wohl das weniger unangenehme Szenario sein könnte: Weiter Durst zu haben oder den langen Weg auf sich zu nehmen. Den langen Weg, der zuerst durch den Flur im ersten Stock, dann die hölzerne Treppe hinunter ins Erdgeschoss und schließlich auf verschlungenen Pfaden quer durch den halben Laden, hinter die Theke und durch die Geheimtür ins Büro führen würde. Schlaftrunken machte er sich letztendlich seufzend auf den Weg.

Er hatte den Tresen fast erreicht, als er weiter vorne im Laden leise Stimmen hörte. Die eine gehörte zweifelsfrei seinem Großvater, die andere war ihm vollkommen unbekannt. Das war ungewöhnlich und spannend zugleich und genau deshalb zog ihn die Situation magisch an. Aaron bewegte sich ganz automatisch und fast lautlos in die Richtung, aus der er die Stimmen vernahm.

 „Sir, warum bekommen wir die Türen nicht auf, was meinen Sie?“ fragte sein Großvater in diesem Moment. „Nun, ich würde sagen, weil er nicht will, dass wir sie aufbekommen.“ Das war die unbekannte Stimme. Sie sprach langsam und bedächtig und mit einem merkwürdigen Akzent, den Aaron nicht einordnen konnte. Und sie gehörte eindeutig zu einem Mann. Aaron konnte ihn nicht sehen – denn weit sehen konnte man im Antikhof Pfundeisen generell nicht. Die Wege durch die vielen Ausstellungsstücke hindurch glichen einem wahrhaft verrückten Labyrinth und stets wurde einem die Sicht von einem mächtigen Eichenschrank oder einem erschreckend überladenen Bücherregal versperrt.

„Und warum könnte er das wollen?“ erkundigte sich Anton Pfundeisen gerade. „Dies, mein Herr, entzieht sich wiederum meiner Kenntnis“, ließ der vornehme Unbekannte verlauten. „Aber Sie haben doch bestimmt eine ungefähre Ahnung.“ „Das schon“, die unbekannte Stimme stockte plötzlich. „Aber das sollten wir besprechen, wenn wir nicht mehr belauscht werden.“ „Oh“, hörte Aaron seinen Großvater sagen. Kurz darauf schaute Anton Pfundeisen hinter einem klobigen Massivholzschrank hervor: „Na, kannst du nicht schlafen, Aaron?“

„Ich wollte nur meine Trinkflasche im Büro holen“, antwortete Aaron wahrheitsgemäß. „Das Büro ist aber da hinten!“ Sein Großvater zwinkerte ihm gut gelaunt zu. „Ich habe Stimmen gehört, Opa.“ „Ja, ich…“, Anton Pfundeisen zögerte. „Ich habe laut nachgedacht! Weißt du, in meinem Alter fängt man an, mit sich selbst zu reden, wenn man über ein Rätsel nachdenkt… Komm, wir schauen nach deiner Flasche!“ Er marschierte mit großen Schritten Richtung Theke.

Aaron hingegen zögerte, holte tief Luft, lief die wenigen Schritte zu dem gewaltigen Schrank hinüber und schaute mit klopfendem Herzen dahinter. Doch da war nichts. Oder besser gesagt: Niemand. Und das war schon reichlich merkwürdig, denn es handelte sich um eine waschechte Sackgasse. „Kommst du?“ hörte er da aber schon seinen Großvater rufen und machte sich schleunigst auf den Weg.

Der erwachsene Aaron öffnete die Augen. „Welches Rätsel war das eigentlich damals, Opa? Das hast du mir nie erzählt…“ Er lächelte. Offensichtlich begann er auch schon, mit sich selbst zu reden. Das musste wohl in der Familie liegen.

Diese Nacht war seine älteste Erinnerung an die merkwürdigen Ereignisse auf dem Antikhof Pfundeisen. Und er hätte sie wahrscheinlich recht bald wieder vergessen gehabt, wenn nicht später noch viele andere unheimliche Dinge geschehen wären. Da war zum Beispiel die Sache mit den Geräuschen, die immer wieder mitten in der Nacht aus dem Erdgeschoss zu hören gewesen waren. Auch dann, wenn alle im Haus befindlichen Personen friedlich in ihren Betten im ersten Stock gelegen hatten. Oder die Tatsache, dass Dinge nicht immer zuverlässig dort aufzufinden waren, wo man sie zurückgelassen hatte. So waren besonders Schmuckstücke gerne mal an ungewöhnlichen Orten wieder aufgetaucht – wie zum Beispiel die Silberkette in der antiken Kaffeedose. Oder diese plötzliche Kälte, die einem immer wieder in die Glieder gefahren war, wenn man in der Nacht alleine zwischen den alten Möbeln unterwegs gewesen war. Und das war auch dann passiert, wenn alle Fenster und Türen ganz bestimmt gut verschlossen gewesen waren und darüber hinaus auch in der Nacht noch angenehme Außentemperaturen geherrscht hatten.

Und eigentlich hätte einen allein die Tatsache stutzig machen müssen, dass es keine der Putzkräfte und Haushaltshilfen, die sein Großvater immer wieder angeheuert hatte, länger als zwei Wochen ausgehalten hatte. Sie alle hatten mehr oder weniger plötzlich die Flucht ergriffen und waren nie mehr zurück gekehrt.

An all diese Dinge musste Aaron nun auf einmal wieder denken. Sein Lächeln erstarb jedoch, als er zum wiederholten Male die nüchterne Botschaft seines Vaters auf dem Smartphone las: „Dein Großvater ist tot. Ich erwarte dich spätestens am Montag auf dem Gerümpelhof, wir müssen die lästige Bürokratie hinter uns bringen. Wo steckst du eigentlich gerade wieder?“

Ja, wo Aaron steckte, das konnte man nie so genau wissen. Als Sohn eines erfolgreichen Münchner Anwalts und einer zumindest in ihrer Welt ebenso erfolgreichen Künstlerin und Musikerin war es ihm nie leicht gefallen, seinen Platz im Leben zu finden. Er trug den Vornamen eines blonden, braungebrannten Surflehrers und schmückte sich gleichzeitig mit einem der peinlichsten und angestaubtesten bayerischen Nachnamen aller Zeiten. Und in diesem Spannungsfeld zwischen konservativer Bodenhaftung und kreativem Höhenflug trieb Aaron häufig orientierungslos durch die Tage. Aaron hatte immer wieder versucht, etwas „Anständiges“ zu lernen, hatte bisher aber jedes Mal auf halbem Wege wieder aufgeben müssen. Selbstverständlich hatte es dafür immer triftige Gründe gegeben, auch wenn sein Vater in diesem Punkt sicherlich ganz anderer Meinung war.

Momentan saß Aaron an einem Klapptisch vor seinem beinahe fertig umgebauten Campervan an der Algarve und betrachtete gedankenverloren den Sonnenuntergang über der glitzernden Unendlichkeit des atlantischen Ozeans. Beim Gedanken daran, die 2500 Kilometer innerhalb der nächsten 72 Stunden hinter dem Lenkrad zurücklegen zu müssen, drückte etwas schwer auf seinen Brustkorb und raubte ihm buchstäblich die Luft zum Atmen. Vielleicht war es aber auch der Gedanke daran, seinem Vater unter die Augen treten und sich dessen versteckte Vorwürfe anhören zu müssen. Versteckt hinter flotten Sprüchen und kumpelhafter Überheblichkeit.

Was ihm aber noch mehr die Kehle zuschnürte war die Tatsache, dass er bald auf den Antikhof Pfundeisen zurückkehren würde, sein Großvater aber zum ersten Mal nicht auf ihn warten würde. Was war nur passiert, dass Anton Pfundeisen so plötzlich gestorben war? Als Aaron ihn zuletzt besucht hatte, hatte er ihn noch lebensfroh und voller Energie erlebt. Und das war schließlich noch gar nicht so lange her. Höchstens ein oder zwei – bei genauerer Betrachtung aber vielleicht auch schon etwas mehr als drei Jahre. Also fast vier.

„Mist.“ Aaron richtete sich auf. Ein letzter Blick auf den Ozean. Dann machte er sich daran, seine Sachen zu packen und im Campervan zu verstauen. Als letztes warf er die Thermoskanne mit dem Kräutertee durch die geöffnete Fahrertür und sie landete wie gewohnt auf dem Beifahrersitz. Aaron setzte sich hinter das Steuer und atmete tief ein. Also dann. Zurück nach Bayern. Zurück ins Chiemgau. Zurück auf den Antikhof Pfundeisen.

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Und hier geht es zum ersten großen Kapitel mit dem Titel "Ein Flüstern in der Nacht"!

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