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ALTE GESCHICHTEN Kapitel 1

Ein Flüstern in der Nacht

Um dieses erste Kapitel meines Fortsetzungsromans "Alte Geschichten" voll und ganz zu verstehen, sollte man unbedingt den vorangegangenen Prolog gelesen haben - und den findet man hier: https://chaosprinz.michael-kuehn.net/alte-geschichten-prolog/ 

„Mach dir keine Sorgen wegen der Erbschaftssteuer“, lachte Aarons Vater gönnerhaft. Seine schwere Hand klatschte auf die Schulter seines Sohnes. „Ich hab den Wert viel zu niedrig angesetzt. Aber Hubert macht die Sachbearbeitung auf dem Finanzamt und der schuldet mir noch einen Gefallen. Du weißt ja: Eine Hand wäscht die andere!“

„Hast du deshalb auch so schnell einen Notartermin bekommen? Schuldet der dir auch noch was?“ fragte Aaron emotionslos.

„Nein, den hab ich dafür bezahlt. Der kann immer Geld gebrauchen. Ist ja auch kein Wunder bei seiner Spielsucht“, schnaubte sein Vater verächtlich. So lief das bei Andreas Pfundeisen schon immer. Er hatte bisher keine Sekunde seines Lebens daran gedacht, den Antiquitätenhandel seines Vaters Anton zu übernehmen. Nein, Pfundeisen Junior hatte sich schon immer hauptsächlich für Geld und Einfluss interessiert, wobei das eine mit dem anderen natürlich Hand in Hand ging. Mit angestaubtem Mobiliar und – in seinen Worten – wertlosem Gerümpel hatte er noch nie etwas am Hut gehabt. Sein Jurastudium hatte er als Jahrgangsbester abgeschlossen, war in einer Münchner Kanzlei schnell zum Partner geworden und hatte sie wenige Jahre später bereits übernehmen können.

Kurz nach Ende des Studiums hatte er eine junge Frau kennengelernt, die Schauspiel und Gesang studiert hatte. Aus dieser Liaison war Aaron hervorgegangen. Es hatte sich nur um eine flüchtige Affäre gehandelt und deshalb war Aaron auch fast ausschließlich bei seiner Mutter aufgewachsen. Sie hatte ihr Studium bald aufgegeben und war mit ihrem Sohn in eine beschauliche Kleinstadt im Münchner Umland gezogen. Finanziell hatten sie sich nie Sorgen machen müssen – Andreas Pfundeisen hatte sich schon damals aus all seinen Pflichten frei gekauft.

In diesem Moment waren Vater und Sohn auf dem Weg zum Notar, um Aaron als rechtmäßigen Besitzer des Antikhofs Pfundeisen in die Bücher eintragen zu lassen, eben ganz so, wie es dem letzten Willen des Großvaters entsprach. Andreas Pfundeisen wurde in dem kurzen, handschriftlichen Testament mit keiner Silbe erwähnt, wollte aber sowieso auf jegliche Ansprüche verzichten. Auch diese Verzichtserklärung musste notariell festgehalten werden, so dass alles seine Ordnung hatte.

Erst vor zwei Tagen war Aaron in Bayern angekommen. Seitdem waren die Ereignisse wie die Szenen eines alten Stummfilms mit diesem irritierenden Zeitraffer-Effekt an ihm vorbeigezogen. Die Begrüßung seines Vaters am Montag war erstaunlich wenig provokant, beinahe freundlich ausgefallen. Dieser hatte für sie beide sogar jeweils ein Zimmer in einer Ferienpension am Ortsrand gemietet. „Du wirst doch nicht im Gerümpelhof schlafen wollen!“ hatte er gepoltert. „Ich geb dir einen guten Rat: Verkauf diesen Ort so schnell du kannst, das Ding ist ein Fass ohne Boden. Dein Großvater hat seit Jahren einen Renovierungsstau auflaufen lassen, der dir finanziell das Genick brechen wird!“ Aaron hatte deswegen keinen Streit vom Zaun gebrochen. Bald würde ihm der „Gerümpelhof“ gehören, dann konnte er in Ruhe überlegen, wie es weiterging.

Die Beerdigung am Dienstag hatte in kleinstem Kreise stattgefunden. Die Familie Pfundeisen war nicht sehr groß. Keiner der drei Männer Anton, Andreas oder Aaron hatte Geschwister und Aarons Großmutter väterlicherseits war schon vor langer Zeit verstorben. Ein paar entfernte Verwandte und einige Leute aus dem Dorf waren gekommen. Letztere wahrscheinlich hauptsächlich wegen der traditionellen Einkehr in die Dorfwirtschaft nach der Trauerfeier – und weil im Dorf für gewöhnlich auch sonst nichts weiter passierte.

Der Termin beim Notar am heutigen Mittwoch verlief zügig, Aaron folgte den Ausführungen des monotonen Vortrags wie in Trance. Sein Vater schaute mehrfach betont ungeduldig auf seine protzige Armbanduhr. Er wollte noch am Abend nach München zurückkehren und diesen letzten Termin so schnell wie möglich über die Bühne bringen, um schon recht bald wieder so tun zu können, als hätte er mit all diesen Dorfangelegenheiten hier nichts zu schaffen. Nach gefühlt mehreren Dutzend Unterschriften unter erschreckend nüchtern formulierten Fließtexten voller Paragrafen, Fußnoten und Schachtelsätzen war es tatsächlich geschafft. Aaron war der neue Besitzer des Antikhofs Pfundeisen; eine Tatsache, die ihn in diesem Moment noch immer vollkommen überrumpelt und weitestgehend planlos zurückließ. Vom Testament seines Großvaters hatte er vor wenigen Tagen das erste Mal erfahren, als er auf der Fahrt nach Bayern mit seinem Vater telefoniert hatte. Seitdem hatte er versucht, sich auf diesen Moment vorzubereiten und sich vorzustellen, wie man sich wohl als Besitzer eines Antiquitätenhandels fühlen mochte – es war ihm nicht gelungen. Und es gelang ihm auch jetzt noch nicht.

Die Verabschiedung von seinem Vater verlief ähnlich unspektakulär wie die Begrüßung. Per Handschlag und einem „Denk dran, was ich dir gesagt habe, werd das Ding so schnell wie möglich los!“

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Der Campingbus kam kurz vor Sonnenuntergang in der Einfahrt des Antikhofs zum Stehen. Aaron stieg aus und betrachtete das Gebäude. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Bayern war er alleine hier und hatte Zeit, diesen erinnerungsträchtigen Ort seiner Kindheit auf sich wirken zu lassen. Er atmete mehrmals tief ein und langsam wieder aus, um sein Inneres ein wenig mehr ins Gleichgewicht zu bringen. Sein Blick schweifte nun beinahe achtsam umher. Er betrachtete das große, zweigeschossige Fachwerkhaus, an welches das langgezogene steinerne Nebengebäude in einem nicht ganz perfekten rechten Winkel angebaut war. Dieses Nebengebäude war ursprünglich mal als Scheune genutzt, jedoch schon vor langer Zeit renoviert und modernisiert worden. Im Inneren verschmolz es seitdem geradezu mit dem Erdgeschoss des Wohngebäudes.

Im Hof, der von dem L-förmigen Gebäudekomplex eingerahmt wurde, wuchs das Unkraut aus allen erdenklichen Ritzen des in die Jahre gekommenen Pflasterbelages. Die ehrwürdige Linde in der Mitte des Hofes warf einen langen Schatten im rot-goldenen Abendlicht, das die im lauen Frühsommerwind tanzenden Blätter der Baumkrone beeindruckend farbintensiv erstrahlen ließ. Hinter der ehemaligen Scheune gab es noch einen verwilderten Garten mit abenteuerlich krumm gewachsenen Obstbäumen und eher sporadisch bewirtschafteten Gemüsebeeten, wie Aaron wusste. Wahrscheinlich standen dort Gras und Unkraut inzwischen mannshoch. Aaron seufzte. Alleine die notwendigsten Arbeiten in Hof und Garten würden ihn sicherlich mehrere Tage beschäftigen.

Aaron betrachtete den Schlüssel in seiner Hand. Ein antikes Stück mit einem großen, grob gezackten Bart, der über die gesamte Oberfläche zart von Rost gesprenkelt war. Er lag schwer und kalt in seiner Hand. Langsam ging er auf die ehemalige Scheune zu. Das massive, doppelflüglige Scheunentor hatte Anton Pfundeisen immer als Haupteingang benutzt. Die eigentliche Haustür am Wohngebäude war bestimmt seit Jahren von niemandem mehr geöffnet worden. Durch das Tor gelangte man direkt in den großflächigen Ausstellungsraum, der die gesamte Fläche der ehemaligen Scheune einnahm und das Herzstück des Antikhofs Pfundeisen darstellte. Hier flanierte man auf labyrinthartigen Wegen durch die verschiedensten Exponate, deren Anordnung sich dem ungeübten Betrachter in keinster Weise logisch erschloss. Anton Pfundeisen hatte jedoch stets jedes beliebige Möbelstück, Gemälde, Buch oder Kuriosum in diesem Irrgarten in Sekundenschnelle finden können. Und auch Aaron konnte die Wege selbst bei absoluter Dunkelheit zielsicher beschreiten, denn so oft wie er sie in seiner Kindheit gegangen war, hatten sie sich wie eine Landkarte in sein Gehirn eingeprägt.

Im Erdgeschoss des Wohngebäudes, das man nahtlos durch die große Ausstellungshalle erreichen konnte, waren die kleinen Räume jeweils einem bestimmten Thema gewidmet – da gab es das Kaffeekannenzimmer, das Schmuckzimmer, das Gemäldezimmer und natürlich das Erotikzimmer. Letzteres hatte Aaron in seiner Kindheit zwar offiziell nicht betreten dürfen, eben dies aber trotzdem immer mal wieder heimlich getan. In diesem Bereich waren die noch außergewöhnlicheren, selteneren oder wertvolleren Ausstellungsstücke zu finden. Wer sich in der chaotisch anmutenden Fundgrube des Scheunenlabyrinths in ein bestimmtes Schmuck- oder Möbelstück verliebt hatte, war meist von Anton Pfundeisen nach hinten in das entsprechende Themenzimmer entführt worden, wo manch Kunde durch die unzähligen Möglichkeiten endgültig verzweifelt war und erst einmal eine Nacht über seine Kaufentscheidung hatte schlafen müssen. Die meisten waren schon bald wieder gekommen. Es war Aaron schleierhaft, wie sein Vater sich dem Zauber dieses Ortes ein Leben lang so komplett hatte verschließen können. Aber noch schleierhafter war ihm, wie der große Geschäftsmann Andreas Pfundeisen den unschätzbaren finanziellen Wert all dieser Ausstellungsstücke so unterschätzen und herunterspielen konnte.

Aaron hielt den Atem an, als er den Schlüssel ins Schloss des Scheunentors steckte. Er ließ sich erstaunlich reibungslos herumdrehen. Die Scharniere quietschten, als Aaron den rechten Torflügel aufzog und in das Innere trat. Direkt neben der Tür war der Lichtschalter angebracht, der glücklicherweise tadellos funktionierte. Der Strom war also noch nicht abgestellt worden. Eine Reihe von Decken- und Wandlampen, die über die gesamte Ladenfläche verteilt waren, erstrahlte. Aaron schaute nach oben in das beeindruckende, indirekt beleuchtete Dachgebälk, denn hier in der Scheune gab es keine Zwischendecke. Ein Anblick, der ihn schon als Kind fasziniert hatte.

Der Antikhof hatte sich wirklich kaum verändert. Aaron schritt neugierig durch die Reihen an Möbelstücken und Regalen voller Bücher und Kuriositäten, an den steinernen Wänden voll großformatiger Ölgemälde und den Vitrinen mit den Schmuckstücken und Sammelfiguren vorbei und betrachtete den großen Tisch mit den wild aufgetürmten Stapeln an Porzellan und Keramik. Schließlich kam er am Verkaufstresen an, auf dem wie gewohnt die alte Kasse mit dem großen Hebel thronte. Mit klopfendem Herzen trat Aaron dahinter und drückte einmal fest auf die geheime Stelle der Tapetentür. Sie drehte sich widerstandslos zur Seite. Er betrat das kleine, gut getarnte Büro, das sein Großvater hier eigenhändig eingebaut und mit dem geheimen Eingang versehen hatte. Die Wände des Büros waren von außen geschickt kaschiert durch Bücherregale und große Bauernmöbel, so dass man als unbedarfter Kunde niemals vermutet hätte, dass sich hier ein ganzer Raum verborgen hielt. Wobei es korrekterweise gar kein kompletter Raum war, denn eine Decke gab es auch hier nicht. Stattdessen konnte man bis zum hoch oben gelegenen Dachgebälk und durch das extra eingebaute großformatige Dachfenster hindurch in den Himmel blicken, was besonders in sternklaren Nächten immer ein besonderes Erlebnis für den kleinen Aaron gewesen war.

Auch hier war noch alles so, wie Aaron es in Erinnerung hatte. Es machte fast den Eindruck, als würde sein Großvater jeden Moment zurückkehren, um sich um den Papierkram oder die Basteleien zu kümmern. Oder um sich seufzend in einen der Ohrensessel fallen zu lassen. Aber Aaron war alleine. Sein Großvater würde nicht zurück kommen. Plötzlich wurde ihm in dem kleinen Beinahe-Raum mit seinen fensterlosen Wänden ziemlich beklommen zumute. Er kehrte schleunigst in die Ausstellungsfläche zurück.

Aaron ging nun zügig bis nach hinten ins Wohngebäude, wo die Treppe in den ersten Stock führte. Er nahm die schwere Kordel mit dem verschnörkelten Blechschild mit der Aufschrift „Privat – kein Zutritt“ beiseite und stieg die knarzenden Stufen hinauf. Auch hier oben hatte sich nichts verändert. Aaron schaute den Flur entlang, der die gesamte Länge des Gebäudes einnahm und von dem Türen in mehrere Schlafzimmer, eine Küche, das Ess- und Wohnzimmer sowie das kleine Bad führten.

Nach einer Katzenwäsche mit eiskaltem Wasser, das zum Glück ebenfalls noch nicht abgestellt worden war – obwohl es offensichtlich ein Problem mit der Warmwasserbereitung gab, um das er sich wohl bei Gelegenheit kümmern musste – ließ sich Aaron in seinem alten Zimmer in ein ziemlich frisch gemachtes Bett fallen. Das war eine Angewohnheit seines Großvaters gewesen. Das Zimmer hatte immer für Aaron bereit gestanden, falls er einmal spontan auftauchen sollte. Viel zu selten war das in den letzten Jahren geschehen. Dennoch hatte Anton Pfundeisen sich offensichtlich bis zuletzt darum gekümmert.

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Mitten in der Nacht wachte Aaron auf. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, war sofort präsent, lange noch vor der Erkenntnis, was dieses etwas wohl sein konnte. Mit klopfendem Herzen versuchte Aaron, seine Gedanken zu ordnen. Jemand hatte seinen Namen geflüstert. In seinem Traum? Oder in echt? Aaron wusste es nicht. Er wollte am liebsten sofort wieder weiter schlafen, doch er fand nicht zurück in den wohligen Nebel der Träume. Immer wieder schlug er die Augen auf. Schließlich stieg er aus dem Bett und ging die Treppe hinunter. Es war alles dunkel. Er schlich auf den ihm bekannten Wegen durch den Laden bis zum Eingangstor. Es war fest verschlossen. Aaron seufzte. Es hatte sich wirklich nichts verändert auf dem Antikhof Pfundeisen.

Auf einmal war er sich nicht mehr sicher, ob es nicht vielleicht doch das Beste wäre, dem Ratschlag seines Vaters zu folgen und den Hof zu verkaufen. Oder was sollte die Alternative sein? Den Antikhof weiterführen? Das „vorrübergehend geschlossen“-Schild abnehmen und die Türen für die Kundschaft öffnen? Er hatte doch absolut keine Ahnung davon, wie man mit Antiquitäten handelte. Und wollte er wirklich dauerhaft an diesen Ort gebunden sein? Viele Fragen prasselten auf einmal in seinem Kopf auf ihn ein. Fragen, die er sich selbst stellte, ohne auch nur eine einzige Antwort zu kennen. Darin war er ein wahrer Meister. Er schüttelte das Chaos in seinem Kopf buchstäblich ab; vorrübergehend zumindest. Seufzend ging er die Treppe hinauf, legte sich in sein Bett und schlief wenige Minuten später ein. Er träumte wilde Szenen, in denen die Möbelstücke zum Leben erwachten und einige der Portraits an den Wänden seinen Namen riefen. Merkwürdig, dass sie immer noch nach ihm riefen, nachdem die Sonnenstrahlen durch das kleine Fenster auf sein Kopfkissen gefallen waren und ihn wachgekitzelt hatten. Nein, das waren nicht die Portraits. Jemand rief wirklich seinen Namen. Jetzt klopfte jemand mit dem schweren Türklopfer an das hölzerne Eingangstor.

„Gilt das auch für mich?“ fragte die Besucherin und grinste herausfordernd, während sie das „vorrübergehend geschlossen“-Schild in die Höhe hielt.

„Thea?“ Aarons noch leicht verschlafener Gesichtsausdruck wich langsam ebenfalls einem breiten Grinsen. „Thea! Mensch, du hier?“ Er schloss die junge Frau im Dirndl lachend in die Arme. Dorothea war wohl einer der Menschen, die einem immer wieder in den verschiedenen Phasen des Lebens begegnen, eine Weile begleiten und dann wieder ihre eigenen Wege gehen, nur um dann Jahre später wieder aufzutauchen und einem das Gefühl zu vermitteln, man hätte sich vorgestern zuletzt gesehen. Und sie brachte es fast immer fertig, Aaron zum Lachen zu bringen. Warum aus ihnen nie ein Paar geworden war, wusste Aaron selbst nicht so genau. Er wusste nur, dass sie sich in diesem Punkt schon immer sehr einig gewesen waren. Bereits im Kindergarten waren sie sich begegnet, gingen dann zusammen in die Grundschule, so wie es in einer Kleinstadt eben üblich ist. Und sie gingen sogar wortwörtlich, nämlich jeden Morgen zu Fuß – über den kleinen kopfsteingepflasterten Marktplatz, am Eisladen vorbei in die schmale Mühlengasse und hinein in das alte Schulgebäude mit dem abgestandenen Geruch, den wohl jeder von uns noch aus seiner eigenen Schulzeit kennt. Dann war Dorothea mit ihren Eltern für einige Jahre ins Ausland gegangen, pünktlich zu den Abiturvorbereitungen aber wieder zurückgekehrt. Da hatte sie mit Aaron dann eine berühmt-berüchtigte Lerngruppe mit besonders „ausgefallenen“ Lerntechniken gegründet und als Höhepunkt und gleichzeitig Ende der Schulzeit eine legendäre Abschlussfeier auf die Beine gestellt. Nach einigen sehr kurzen und sehr fehlgeschlagenen Versuchen, in einem Studium oder einer Berufsausbildung Fuß zu fassen, war es dieses Mal Aaron gewesen, der das Weite gesucht hatte. Er hatte sich mit seinem Bus ohne bestimmtes Ziel auf den Weg in die Welt gemacht und sie hatten sich ein weiteres Mal aus den Augen verloren.

„Ich hab gehört, dass ich dich hier finden kann!“ Thea trat durch das Scheunentor ins Innere, pfefferte das Schild lässig in die Ecke und schaute sich um. „Und das gehört jetzt alles dir?“

„Thea, ich freu mich wirklich übermenschlich, dich zu sehen, aber – was ist das?“ Aaron zeigte auf ihr eher traditionelles Outfit. „Bin auf dem Weg zur Arbeit, dachte aber, ich fahre einen kleinen Umweg hier vorbei“, war die knappe Antwort. „Ich arbeite unten im Gasthof an der alten Landstraße. Das Trinkgeld fällt beim Mittagstisch gar nicht mal so schlecht aus, viele Touris und ein paar Geschäftsleute. Lässt sich gut mit dem Fernstudium verbinden. Betriebswirtschaft. Langweilig, aber solide. Ich bin tatsächlich hierher aufs Land gezogen, kannst du dir das vorstellen? Drei Dörfer weiter, in die Nähe der alten Mühle, da wo es spuken soll. Kennst du bestimmt auch, oder?“ Sie holte kaum Luft beim Sprechen. „Es gibt hier in der Gegend auch sonst immer gut zu tun für mich, hauptsächlich Tourismus. Ich bin nämlich der Inbegriff eines bayrischen Mädels!“ Bei diesen Worten verdrehte sie die Augen. „Hier hab ich übrigens auch schon ausgeholfen, letzten Sommer, als dein Opa so eine Art Sommerfest veranstaltet hat. Dein Opa war schon ein ziemlich einzigartiger Typ, kann das sein?“ Sie lächelte ihn an. „Ich bin nicht so gut in… Trauer und so… Tut mir echt leid, das mit deinem Opa. Wie geht es dir?“

„Jetzt auf jeden Fall besser!“ Aaron grinste. „Wie viel Zeit hast du? Kleine Führung gefällig?“

„Klar, ein bisschen Zeit hab ich mitgebracht! Und was wir hier verplempern, das hol ich nachher auf der Straße wieder rein!“

Und so fand sich Aaron kurzerhand in der Rolle des verschrobenen Museumsführers wieder, der seine alte Freundin mit spontanem Witz und sporadisch eingestreuten Fachbegriffen durch die Ausstellung führte. Das gefiel ihm sehr, denn es eröffnete auch ihm eine etwas andere Perspektive auf den Antikhof Pfundeisen. Sie gingen auch gemeinsam in den verwilderten Garten, wo zwar auf den ersten Blick das totale Chaos herrschte, es aber gleichzeitig auch blühte, summte und zwitscherte wie in einem knallbunten Wimmelbuch. „Ein toller Ort, da kann man was draus machen!“ lautete Theas Urteil. „Mit einem grünen Daumen und ein bisschen Muskelkraft… Was davon hättest du zu bieten?“ fragte sie und rammte ihm spielerisch den Ellbogen in die Seite. So ging es noch eine ganze Weile weiter. Viel zu spät machte Thea sich auf den Weg zu ihrem Job. Sie ließ die Reifen ihres schlumpfblauen Kleinwagens quietschen als sie vom Hof brauste. Sie hatte jedoch hoch und heilig versprochen, am Nachmittag wieder zu kommen.

Kurz nach Theas Abfahrt rollte eine schwarze, blankpolierte Limousine auf den Hof und kam neben dem schlammverspritzten Campingbus zum Stehen. Ein blasser Mann mit dünnem schwarzem Schnurrbart stieg aus. Er trug einen karierten Anzug mit knallgelbem Einstecktuch im Sakko und stützte sich beim Gehen auf einen altmodischen Gehstock. Er schritt mit vornehm steifer Körperhaltung und einem kaum merklichen Hinken auf Aaron zu, der noch am Eingangstor stand. „Haben Sie wieder geöffnet?“ fragte der Besucher ohne Umschweife. „Naja, so genau kann ich das nicht sagen… Ich bin erst seit kurzem, also, ja, Sie können sich ja mal umsehen“, stammelte Aaron unsicher. Er räusperte sich und fragte schon etwas sicherer: „Suchen Sie etwas bestimmtes?“ Der Besucher verneinte. „Ich möchte mich nur mal umschauen.“

Aaron wusste, dass alle Stücke, die klein genug waren, um sie unauffällig in der Tasche verschwinden zu lassen, in Vitrinen gesichert waren. Deshalb konnte er den Kunden ungestört stöbern lassen. Auf moderne Überwachungstechnik hatte Anton Pfundeisen schon von jeher verzichtet. Ein Vertrauensvorschuss, den ihm seine Kunden bisher immer gedankt hatten. Aaron wartete zunächst unentschlossen im Eingangsbereich, ging dann Richtung Verkaufstresen und stellte sich dahinter. Das erschien ihm irgendwie angebracht, denn hier wurden schließlich die Geschäfte abgewickelt und außerdem bot ihm die Theke ein wenig Schutz. Er beobachtete, wie der Kunde bedächtig mit erhobenem Haupt durch die Ausstellung schlich, gelegentlich an einem Möbelstück stehen blieb, immer wieder längere Zeit ins Dachgebälk starrte, hier und da mit dem Knauf seines Gehstocks an die steinerne Außenwand klopfte und einmal sogar mit einer ungelenk wirkenden, wippenden Bewegung die Stabilität des Untergrunds zu prüfen schien. Ein komischer Vogel. Doch so waren viele der Kunden des Antikhofs Pfundeisen, wie Aaron aus der Erinnerung wusste. Dennoch runzelte er die Stirn. Wohl war ihm nicht in seiner Rolle.

Der merkwürdige Kunde hatte inzwischen die Themenzimmer betreten und war für Aaron von hier aus nicht mehr zu sehen. Er überlegte noch, wie er sich wohl am besten verhalten sollte, als er die Treppe in den ersten Stock knarzen hörte. „Halt“, rief er und rannte nach hinten. Der Kunde war bereits stehengeblieben und schaute Aaron fragend an, während er die Treppe wieder herunterkam. „Oben ist privat. Ich habe vergessen, das Schild wieder… Hier, sehen Sie?!“ Aaron spannte die Kordel mit dem „Privat“-Schild auf. „Sorry, ich bin noch nicht lange hier. Ich habe den Antikhof geerbt. Aaron Pfundeisen, hallo!“ Er streckte die Hand aus. Der Fremde ergriff sie und zwang sich zu einem Lächeln. „Sehr erfreut. Dann haben Sie wohl erst einmal noch reichlich zu tun. Da möchte ich nicht weiter stören. Ich finde heute auch nicht, wonach ich suche. Ich werde demnächst einfach noch einmal vorbei schauen. Eine gute Zeit, bis bald, Herr Pfundeisen.“ Er deutete eine Verbeugung an und schritt gemächlich Richtung Ausgang.

„Herr Pfundeisen“ war Aaron bisher nur wenige Male in seinem Leben genannt worden. Und fast jedes dieser Male hatte es sich falsch angefühlt. Wieder einmal seufzte Aaron und war sich plötzlich ganz sicher, dass die Aufgabe, den Antikhof Pfundeisen weiter zu führen, mehrere Nummern zu groß für ihn sein würde. Der einzige Lichtblick war, dass Thea später wieder kommen würde. Bis dahin wollte Aaron ein paar Lebensmittelvorräte einkaufen, eine Runde im Dorf spazieren gehen und auf jeden Fall das „vorübergehend-geschlossen“-Schild wieder am Scheunentor anbringen. Und idealerweise noch ein weiteres direkt an der Hofeinfahrt. Die Kunden mussten sich noch eine Weile gedulden.

+

An diesem Abend ging Aaron nach einem – dank Thea – wirklich lustigen und unbeschwerten Nachmittag mit einer neuen Portion Mut und Entschlossenheit zu Bett. In der Nacht träumte er davon, dass sein Großvater wieder auf den Antikhof Pfundeisen zurückkehrte. Er war nur auf einer längeren Reise gewesen und hatte viele neue Geschichten mitgebracht. Aaron war auf einmal wieder ein Kind und sprang seinem Opa voller Freude in die Arme. „Aaron, da bist du ja!“ rief sein Großvater. „Aaron!“ flüsterte jemand. Aaron riss mit klopfendem Herzen die Augen auf. Er war sich ganz sicher, dass jemand seinen Namen geflüstert hatte. Das Flüstern war nicht aus seinem Zimmer gekommen, eher vom Flur oder sogar von der Treppe. Oder von unten, aus dem Laden? War das Haus so hellhörig? Er stieg entschlossen aus dem Bett. Wenn er auf dem Antikhof bleiben wollte, dann mussten diese nächtlichen Unterbrechungen aufhören. Er ging den Flur entlang, schaute zur Sicherheit kurz in alle Zimmer. Er fand nichts Ungewöhnliches. Deshalb lauschte er zunächst eine Weile ins untere Stockwerk. Auch von dort war nichts mehr zu hören.

Während er noch überlegte, ob es wohl die Mühe wert sein würde, den ganzen Laden zu durchkämmen, sah er im Augenwinkel etwas, das ihn irritierte. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was es war. Ein schwacher Lichtschein, der aus dem Bereich der Ausstellungsfläche zu kommen schien, erhellte die unterste Treppenstufe diffus und unheimlich in der Dunkelheit. Aus Reflex griff Aaron nach dem schweren schmiedeeisernen Kerzenleuchter, der im Flur herumstand und hielt ihn wie einen Baseballschläger mit beiden Händen kampfbereit vor seinen Körper und ging die Treppe hinunter. Unten angekommen bewegte er sich fast lautlos in die Richtung, in die ihn das Licht zu locken schien. Den Ursprung hatte er schnell entdeckt: Die kleine Messinglampe mit dem bunten Stoffschirm auf dem Verkaufstresen brannte. Doch Aaron hatte sie ganz bestimmt nicht eingeschaltet. Da war er sich sicher. Sein Blick fiel auf die geheime Tapetentür. Eine Gänsehaut stellte die kleinen Härchen in seinem Nacken blitzartig auf. Die Tür war ein kleines Stück weit geöffnet. So, als sei jemand hindurch gegangen und hätte sie nicht wieder vollständig hinter sich verschlossen. Aaron schluckte seine Angst hinunter, so gut es ging. Diese Dinge kamen vor auf dem Antikhof Pfundeisen. Stimmen, Lichter, geöffnete Türen. Das alles hatte in seiner Kindheit zu diesem Hof gehört wie der Geruch von Holz und Staub. Doch der erwachsene Aaron betrachtete das ganze weit weniger selbstverständlich. Hier stimmte etwas nicht.

„Ok, Leute, das ist nicht witzig, kommt da raus, wer auch immer ihr seid!“ rief er und versuchte, seiner angespannten Stimme einen Klang der Entschlossenheit zu verleihen. Nichts rührte sich. Keine Stimmen, keine Geräusche. Zögerlich ging Aaron auf die Tapetentür zu. Mit einem Ruck stieß er sie auf und betrat das kleine Büro, den Kerzenständer jetzt wie ein Schwert wehrhaft vor sich ausgestreckt. Er drehte sich einmal schnell um die eigene Achse und schaute dabei flüchtig in alle Ecken des Raumes. Nichts. Wobei – das stimmte so nicht ganz. Auch hier brannte eine Lampe, nämlich die auf dem Schreibtisch mit dem antiken grünen Glasschirm. Und sie beleuchtete ein Kästchen, das Aaron noch nie zuvor gesehen hatte. Es stand mitten auf der hölzernen Schreibtischplatte zwischen all den Papieren, Werkzeugen und Kleinteilen. Es wurde vom Schein der Lampe angestrahlt, fast so, als sollte es wie ein Schauspieler auf der Bühne vom Spot eines Theaterscheinwerfers in Szene gesetzt werden. War das Ding gestern schon da gewesen?

„Alles klar, ich soll also das Kästchen öffnen und dann springt mir so ein Clown an einer Feder ins Gesicht oder was?“ rief er. „Toni, du Giftzwerg, bist du das?“ Toni und er hatten sich zu Schulzeiten nie leiden können. Aber wieso sollte Toni ihm bis hierher gefolgt sein? Und warum sollte er die alte Rivalität zwischen ihnen mit irgendwelchen Streichen wieder aufleben lassen?

Aaron ging zum Schreibtisch, trat dahinter und setzte sich langsam auf den Schreibtischstuhl. Es wurde ihm bewusst, dass er noch nie in diesem Stuhl Platz genommen hatte. Dieser war immer für seinen Großvater reserviert gewesen, für den Inhaber des Antikhofs Pfundeisen. Und wie er so in diesem Stuhl Platz nahm, spürte er, dass dies nun sein Stuhl war. Er würde über das Schicksal des Antikhofs Pfundeisen bestimmen.

Er betrachtete das Kästchen genauer. Es sah alt aus. Alt, aber gepflegt und an manchen Stellen sorgfältig restauriert. Es bestand aus dickem, beschnittenem Leder, über die gesamte Oberfläche war es fein punziert. Die Ecken waren mit metallenen Beschlägen versehen, wahrscheinlich aus Messing, grob geschätzt stammte es aus dem 17. Jahrhundert. Von dieser recht fachmännischen Einordnung, die ihm sein Gehirn hier so spontan übermittelt hatte, war Aaron selbst überrascht. Offensichtlich hatte sich doch das ein oder andere Quäntchen Fachwissen in seinem Oberstübchen angesammelt, ohne dass er das bemerkt oder gar beabsichtigt hatte. Das kleine Vorhängeschloss mit den Rädchen zum Einstellen der Geheimzahl war dagegen so gar nicht antik, sondern erst in den letzten Jahren zur Sicherung angebracht worden. Aaron dachte nach. Eine Kindheitserinnerung kam ihm in den Sinn. Welche Farbe hatte das Schloss? Grün. Vier Buchstaben. Eine Vier an erster Stelle. Wie viele Ziffern konnte man einstellen? Drei. Zweite Ziffer eine Drei. „Die dritte ist die Summe aus den beiden ersten und so geht es weiter. Wenn die Summe größer ist als Zehn, dann nimm die Quersumme!“ hörte er die Stimme seines Großvaters in der Erinnerung. Hier also eine 7. Auf diese Art und Weise waren die meisten Vitrinen und Schubladen hier im Hause gesichert. Das ersparte einem das Herumtragen eines übertrieben bestückten Schlüsselbundes und das ständige verzweifelte Suchen nach dem jeweils passenden Exemplar. Und auch bei diesem Kästchen klappte es mit dieser Methode. Der Bügel des Schlosses sprang auf. Aaron entfernte es und öffnete mit angehaltenem Atem den Deckel der antiken Kiste.

Das mit neuwertigem, schwarzem Samt ausgeschlagene Kästchen enthielt nur zwei Dinge. Ein Stück zusammengefaltetes Papier und einen kleinen roten  Stoffbeutel. Er nahm den Beutel heraus und wog ihn vorsichtig in die Hand. Etwas kleines, annähernd rundes, recht schweres musste sich darin befinden. Dann betrachtete er das gefaltete Papier genauer. Es war ein hochwertiges, dickes Büttenpapier und jemand musste etwas darauf geschrieben haben, denn an manchen Stellen drückte schwarze Tinte von der anderen Seite hindurch. Am übertriebenen Schwung der Buchstaben erkannte Aaron bereits jetzt, dass es die Schrift seines Großvaters war. Er zögerte. Dann faltete er das Papier mit zitternden Fingern auseinander und las:

„Mein lieber Aaron.
Das Leben schreibt die besten Geschichten, sagt man.
Manchmal ist es aber auch umgekehrt, da beeinflussen Geschichten ein ganzes Leben.
Mein Leben zum Beispiel.
Ich habe ein Leben lang abenteuerliche, unglaubliche und geheimnisvolle Geschichten
gesammelt, erlebt und ganz besonders gerne erzählt.
Am liebsten dir.  
Wenn du diesen Brief in Händen hältst,
dann ist das größte Kapitel meiner eigenen Geschichte bereits zu Ende erzählt.
Zumindest in dieser Welt.
Vielleicht sammle ich dann bereits neue Episoden für weitere Kapitel in einer ganz anderen Welt.
Doch ich stelle mir natürlich die Frage,
ob die ohne Zweifel außergewöhnliche Geschichte des Antikhofs Pfundeisen mit mir ein Ende findet,
oder ob du bereit dafür bist, sie an meiner statt weiter zu erzählen.

Aaron, in den letzten Jahren haben wir uns kaum gesehen und das ist auch vollkommen in Ordnung.
Du bist noch jung und hast die Welt kennengelernt.
Ganz genau so, wie ich es in meiner Jugend getan habe.
Ich habe meine ersten Geschichten in fremden Ländern gesammelt,
meine Liebe zu den Antiquitäten fernab meiner Heimat entdeckt.
Du wärst erstaunt, wenn du wüsstest,
welch spannende Geschichten ein antikes Möbelstück oder ein uraltes Schmuckstück zu erzählen haben.
Aber vielleicht wirst du es auch bald erfahren.
Denn neben den Geschichten habe ich auf meinen Reisen noch so viel mehr gefunden.
Und eine dieser Entdeckungen hat mein Leben auf eine Weise verändert, die ich nicht für möglich gehalten hätte.
Und sie hat den Antikhof Pfundeisen zu dem magischen Ort gemacht, der er ist.
Du hast seine Kraft schon oft spüren dürfen, konntest sie aber natürlich noch nicht einordnen.
Der Antikhof ist so viel mehr als ein Antiquitätenhandel, Aaron,
das hast du wahrscheinlich immer schon geahnt.
Es ist schön, dass du wieder da bist.

Sieh in den Beutel, den ich dir hinterlassen habe. Erkennst du es?
Du kannst entscheiden, was damit geschehen soll und damit die Zukunft des Antikhofs
und all seiner verborgenen Schätze bestimmen.
Aber sei gewarnt:
Sobald du es anlegst, gibt es kein Zurück mehr,
denn du wirst auf einen Schlag sehr viel Neues entdecken.
Du wirst unbekannten Geschichten lauschen und fremde Welten kennenlernen können,
die dich faszinieren und in ihren Bann ziehen werden.
Du wirst wahrscheinlich sogar neue Freunde finden, aber auch Herausforderungen bestehen müssen,
von denen du bisher nicht einmal wusstest, dass sie existieren.

Wenn ich eines Tages einen flüchtigen Blick in deine Welt erhaschen kann und sehe,
dass die Geschichte des Antikhofs von dir um weitere Kapitel ergänzt wird,
würde mich das natürlich sehr glücklich machen.
Doch genauso glücklich wäre ich, zu sehen, wie du einen vollkommen anderen Weg gefunden hast,
deine ganz eigene Geschichte zu schreiben, welche Wendung auch immer sie nehmen mag.
Sie wird ohne Zweifel einen aufregenden Verlauf und ein glückliches Ende nehmen, davon bin ich überzeugt.

Wenn dir also die Verantwortung für den Antikhof zu groß erscheint, dann bitte ich dich nur um eines:
Lege den Beutel mit seinem Inhalt in das Kästchen zurück, verschließe es und kümmere dich nicht weiter darum.
Es wird dann genau wie du seinen eigenen Weg finden.
Wir werden uns in dieser Welt nicht wieder sehen, doch ich bin mir sicher,
dass wir uns irgendwann in einer anderen Welt noch einmal begegnen werden.
Bis dahin wird aber noch eine recht lange Zeit vergehen und ich wünsche dir von Herzen,
dass dein Leben bis dahin die besten Geschichten für dich schreibt
und dass viele gute Geschichten dein Leben bereichern werden.

Willkommen zurück auf dem Antikhof Pfundeisen, mein lieber Aaron.
Sein Zauber wartet auf dich, wenn du bereit für ihn bist.“

Aaron blinzelte, seine Augen waren feucht geworden, der Kloß im Hals fühlte sich enorm an. Doch gleichzeitig überwog in ihm ein Gefühl der Verwunderung und Ratlosigkeit. Was sollte er mit all diesen Informationen anfangen? Noch bevor er den Beutel geöffnet und den Inhalt hervorgeholt hatte, wurde ihm jedoch klar, was ihm sein Großvater hier hinterlassen hatte. Das Medaillon, das Anton Pfundeisen Tag und Nacht um den Hals getragen hatte, meist verdeckt unter der Kleidung, an einer langen Silberkette. Wenn ihn seine Erinnerung nicht täuschte, war das Medaillon oval, ebenfalls aus Silber gefertigt, mit gravierten floralen Mustern verziert. Im Inneren verbarg es eine kleine Kammer, in der man ursprünglich wohl das Bildnis einer nahestehenden Person verwahrt hatte, vielleicht als Emailmalerei, wie sie typisch für das 17. Jahrhundert gewesen war. Aaron hielt inne. Da war es schon wieder. Das Fachwissen. Und das 17. Jahrhundert.  

Aaron griff in den Beutel und nahm langsam das Medaillon heraus. Er betrachtete es in seinen Händen. Das hier war also das eigentliche Vermächtnis seines Großvaters. Er hatte ihm nie gezeigt, ob in dem Medaillon noch immer etwas verborgen war. Also öffnete Aaron den kleinen Verschluss, dieses Mal mit kaum merklichem Zögern. Verblüfft starrte er auf das Innere der kleinen Kammer. Es sah zunächst so aus wie ein großer Tropfen aus dunklem Glas, der in seinem Inneren abertausende winzige, leuchtende und sich bewegende Sterne umschloss. Aaron strich vorsichtig mit dem Daumen über die Oberfläche. Das merkwürdige Gebilde fühlte sich massiv an, wie ein Edelstein. Ein ihm vollkommen unbekannter Edelstein, der in seinem Inneren lebendig zu sein schien. Aaron schaute noch genauer hin, führte das Medaillon ganz nah an seinen Blick heran. Die unzähligen Lichtpunkte im Inneren des Steins bewegten sich pausenlos in Zeitlupe und formierten sich immer wieder zu neuen Mustern. Aaron kannte Aufnahmen aus dem Weltall von weit entfernten Galaxien, die ganz ähnliche Formen bildeten. Etwas Derartiges hatte er noch nie zuvor gesehen. Edelsteine mit eingeschlossenen Farbpunkten gab es, das wusste er, doch sie bewegten sich in aller Regel nicht, da war er sich ziemlich sicher. Aaron schloss den Deckel mit einem Klick und legte das Medaillon auf die Schreibtischplatte.

Minutenlang saß er einfach nur da. Viele neue Fragen schwirrten durch seinen Kopf, doch wieder einmal war keine Antwort dabei. Sein Blick schweifte umher, blieb jedoch immer wieder an dem geheimnisvollen Schmuckstück auf dem Schreibtisch haften. Schließlich gab er sich einen Ruck, ergriff die silberne Kette mit beiden Händen und legte sich das Medaillon mit geschlossenen Augen um den Hals. Es fühlte sich schwer an und schmiegte sich beinahe wie von Magneten angezogen an seine Brust. Ein warmes Gefühl schien von ihm auszugehen. Aaron atmete langsam aus und öffnete die Augen. Aus einem der Ohrensessel starrte ihn ein unbekannter Mann mit einer Mischung aus Neugier und Furcht im Blick aus großen Augen an.

Noch existiert kein weiteres Kapitel dieser Geschichte. Doch im Hintergrund schreibe ich wahrscheinlich genau in diesem Moment daran. Sobald ein weiteres Kapitel fertig gestellt wurde, werde ich es hier verlinken!