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Der Blumenmann
„Was haben Sie gefühlt, als Sie den Ring ins Meer geworfen haben?“ Sie betonte die Worte „den Ring“ in einer Weise, als wolle sie ihnen imaginäre „Gänsefüßchen“ verpassen, verzichtete jedoch auf die übliche Bewegung mit den Fingern in der Luft. Ihr Tonfall in Verbindung mit einer hochgezogenen Augenbraue erfüllte allerdings den gleichen Zweck. Ich ging nicht auf diese Provokation ein, wenn es denn überhaupt eine solche hatte sein sollen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich das trotz meiner journalistisch geschulten Beobachtungsgabe noch nicht einschätzen.
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Alles unter null.
„Tiefenheimer in Not. Alles unter null. Und alles erstarrt.“ Der seltsame Notruf war in der unterirdischen Kolonie Tiefenheim auf einer brüchigen Funkfrequenz empfangen worden und hatte grob geortet werden können. Nun machte sich ein Suchtrupp aus fünf unerschrockenen Freiwilligen auf den Weg durch den schier undurchdringlichen Nebel an der Erdoberfläche. Sie alle trugen dicke Thermoanzüge, mit modernster Technik ausgestattete Astronautenhelme – und Waffen. Seit der Planet in eine neue Eiszeit gestürzt war und die verbliebene Bevölkerung sich in kleinen Verbänden unter die Erde zurückgezogen hatte, war die Oberfläche aufgrund marodierender Banden und wilder Tiere zu einem lebensfeindlichen Ort geworden.
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ALTE GESCHICHTEN Kapitel 1
Ein Flüstern in der Nacht... „Mach dir keine Sorgen wegen der Erbschaftssteuer“, lachte Aarons Vater gönnerhaft. Seine schwere Hand klatschte auf die Schulter seines Sohnes. „Ich hab den Wert viel zu niedrig angesetzt. Aber Hubert macht die Sachbearbeitung auf dem Finanzamt und der schuldet mir noch einen Gefallen. Du weißt ja: Eine Hand wäscht die andere!“ „Hast du deshalb auch so schnell einen Notartermin bekommen? Schuldet der dir auch noch was?“ fragte Aaron emotionslos. „Nein, den hab ich dafür bezahlt. Der kann immer Geld gebrauchen. Ist ja auch kein Wunder bei seiner Spielsucht“, schnaubte sein Vater verächtlich.
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Regenbogenfarben sind die Geister
Teile meines Körpers fielen zu Boden. Eines nach dem anderen. Gnadenlos schnitt der kalte Stahl der Schere in das, was eben noch Teil von mir war. Doch es war kein Blut zu sehen. Die Hand, die die Schere führte, gehörte offensichtlich einem Profi. Dem rothaarigen Mädchen neben mir erging es ähnlich. Tief in den Stuhl eingesunken ließ sie die Prozedur mit geschlossenen Augen über sich ergehen. Ich hätte sogar schwören können, dass sie ziemlich gut fand, was gerade mit ihr geschah. Sie blickte kurz zu mir herüber und grinste mich an. Die Locken waren von ihrem Kopf verschwunden und lagen jetzt rings um ihren Stuhl in einem Friseursalon in Werderstedt…
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„Abendstund“ veröffentlicht!
Endlich ist es geschafft – Buch Nummer Zwei ist auf die Menschheit losgelassen! Ein Sammelband mit 7 Kurzgeschichten und einer Bonusgeschichte eines Gastautors. Käuflich zu erwerben hier: http://www.lulu.com/shop/michael-kühn/abendstund-71-böse-nachtgeschichten/paperback/product-21451786.html
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Schwarze Libelle
Wenn Sie die enge Steintreppe unter der flackernden Neonreklame hinuntersteigen, auf die hölzerne Pforte zugehen und Ihnen die abgestandene Wärme schon entgegen strömt, wenn Sie am Eingang dann an Lowell, dem blassen Türsteher mit den stechenden schwarzen Augen vorbeigehen, in den kleinen runden Saal eintreten und den Duft von Zigaretten und Schweiß inhalieren, dann suchen Sie sich besser einen Platz in der Nähe der Tür – denn viele gingen schon hinein, doch nicht alle kamen wieder heraus. „Willkommen in der Schwarzen Libelle“… Ich hatte von diesem merkwürdigen Nachtclub namens „Schwarze Libelle“ gehört, doch geglaubt hatte ich die Geschichten, die sich um dieses kleine Hinterhof-Etablissement rankten, noch nie. Bis zu diesem…
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Der Elfenbaum
Irgendwo auf einer einsamen Landstraße riss ihn ein schriller Schrei aus seinen Gedanken. Doch es gab keine Möglichkeit mehr, zu reagieren. Es war zu spät. Seit dem Unfalltod seiner Frau hatte sich sein Leben grundlegend verändert. Geschlafen hatte er seit Tagen nicht. Zur Arbeit war er seither nicht mehr gegangen. Doch das schien keinen zu stören. Man gönnte ihm wohl einige Tage der Ruhe. Sein Gehirn spielte verrückt – wollte ihm die Erinnerung an die Stunden nach der Unfallnacht nicht preisgeben. Er konnte sich nicht an die Sanitäter erinnern, nicht an das Krankenhaus, nicht an den Moment, in dem er realisierte, dass der wichtigste Mensch in seinem Leben aus demselben…
