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ALTE GESCHICHTEN Kapitel 1
Ein Flüstern in der Nacht... „Mach dir keine Sorgen wegen der Erbschaftssteuer“, lachte Aarons Vater gönnerhaft. Seine schwere Hand klatschte auf die Schulter seines Sohnes. „Ich hab den Wert viel zu niedrig angesetzt. Aber Hubert macht die Sachbearbeitung auf dem Finanzamt und der schuldet mir noch einen Gefallen. Du weißt ja: Eine Hand wäscht die andere!“ „Hast du deshalb auch so schnell einen Notartermin bekommen? Schuldet der dir auch noch was?“ fragte Aaron emotionslos. „Nein, den hab ich dafür bezahlt. Der kann immer Geld gebrauchen. Ist ja auch kein Wunder bei seiner Spielsucht“, schnaubte sein Vater verächtlich.
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ALTE GESCHICHTEN Prolog
Aaron Pfundeisen hatte schon mit acht Jahren seine ersten Erfahrungen mit dem Übersinnlichen sammeln können. Freilich hatte er die seltsamen Ereignisse damals noch nicht einzuordnen gewusst, denn die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen in einer kindlichen Wahrnehmung bekanntlich schnell einmal. Und Jahre später kann man nur noch vage erahnen, ob einer Kindheitserinnerung lediglich Träumerei oder wahrhaftig Erlebtes zugrunde liegt.
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Schwarzbunt sind die Kühe
Hi. Ich bin Paul. „Paul“ war damals eine echte Glanzleistung meiner Eltern. Also die Namenswahl. So hieß nämlich mein Opa, der kurz vor meiner Geburt gestorben ist. Hab ihn nie kennengelernt, den Opa. Mütterlicherseits. Bei genauerer Betrachtung hab ich es aber noch ganz gut erwischt – mein anderer Opa heißt nämlich Günther. Der ist noch am Leben und auch ziemlich fit. Und manchmal ist er der einzige in meiner Familie, den ich nicht zum Kotzen finde. Vielleicht, weil er mich noch nie wegen meiner Klamotten, meiner Musik oder meiner Haare genervt hat. Opa Günther hat das irgendwie nie interessiert. Ich helfe ihm manchmal auf dem Hof, da hab ich gar…
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Der Erbe der Königin
Die dunklen Zeiten in einer dunklen Welt waren Vergangenheit. Vorbei der kalte Krieg zwischen Grünbergen und Kupfergrund. Die Zeichen standen auf dauerhaften Frieden und Wohlstand. Nur Golradir fand seit fünfzehn Jahren keinen Frieden. Und über diese Tatsache konnte ihn auch sein wahrhaftig gewaltiger Wohlstand nicht hinwegtrösten. Seit er, der Reisende aus der Zukunft, das Rad der Zeit manipuliert und auf neuen Kurs gebracht hatte musste er mit einer großen Lüge leben.
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Der Flötenspieler
„Und in diesem steinernen Sarg liegen die Überreste jenes geheimnisvollen Mannes, dessen Identität man bis heute nicht zweifelsfrei feststellen konnte und welche man zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Grabungen in den ehemaligen Katakomben dieses Klosters zu Tage befördert hat. Geheimnisvoll ist dieser namenlose Ritter, weil er mit seinen 1,78 Meter Körpergröße, dem beinahe makellosen Gebiss und einem geschätzten Alter von 75 Jahren für damalige Verhältnisse über beinahe magische Kräfte verfügt haben muss. Ob man ihn wohl als Gott verehrt, als Hexer verfolgt oder als Dämon gefürchtet hat? Außerdem trug er etwas bei sich, das ihn mit einer alten Legende in Verbindung bringt, die ich Euch, werte Schaulustige, sogleich zu…
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Für Agathe
12.01.: Heute haben wir das Gebäude zum ersten Mal betreten. Die letzten Wochen waren die Temperaturen hartnäckig unter dem Gefrierpunkt geblieben und daher lässt sich unser erster Eindruck auch nur mit einem Wort beschreiben: eiskalt. Seit Jahren hatte keiner mehr die Tür zu diesem alten Theater aus dem Jahre 1860 geöffnet. Es hatte die letzten Jahrzehnte leer gestanden. Vor einigen Wochen war es dann plötzlich zum Verkauf gestanden. Für eine lächerliche Summe. Und wir, der Verein zur Förderung der Kultur unserer kleinen Gemeinde, haben tatsächlich den Zuschlag bekommen und uns gegen einen harten Mitbewerber durchgesetzt, der als örtlicher Bauunternehmer das Gelände für einen Parkplatz oder eine Reihenhaussiedlung gut hätte gebrauchen…
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Der Alchemist
Die Kinder nannten ihn nur „Opa Cornelius“. Vor drei oder vier Jahren war der alte Mann, der sich so merkwürdig altmodisch kleidete, aufgetaucht und hatte sich ein kleines Häuschen am Stadtrand gekauft. Die Kinder in der Nachbarschaft beobachteten bei seinem Einzug, wie er viele merkwürdige Gerätschaften, Möbelstücke und Bilder in sein Haus schaffen ließ. Natürlich hatte Opa Cornelius die neugierigen Blicke der Kinder nicht übersehen – er hatte ihnen hinter seinem altmodischen Monokel zugezwinkert und sich nach einem Blick auf seine kupferfarbene Taschenuhr wieder daran gemacht, die Umzugshelfer zu dirigieren. Damals war es kurz vor Halloween gewesen – und so hatten die Kinder dann auch in der Geisternacht vor der…
