ALTE GESCHICHTEN Kapitel 7
Schall & Rauch
Um dieses Kapitel zu verstehen, sollte man sich unbedingt die vorangegangenen Teile meines Fortsetzungsromans "Alte Geschichten" zu Gemüte führen. Alle Teile sind unter diesem Link zu finden.

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John Aubrey war kein guter Klavierlehrer. Es war schon wieder Abend geworden, nachdem der Tag wie im Handumdrehen verflogen war, und Aaron wollte endlich damit beginnen, den „Kanon D-Dur“ von Pachelbel zu erlernen. Er und John hatten den Großteil des Tages damit zugebracht, die elegante Limousine des Herrn von Eschenberg genauer unter die Lupe zu nehmen. Eines wurde ihnen dabei recht schnell klar – von Eschenberg hatte nicht gelogen:
Im Handschuhfach des Wagens lag neben einem unterschriebenen Kaufvertrag mit allen wichtigen Eckdaten nebst Zulassungsbescheinigungen auch ein kleines, schwarzes Samtsäckchen. Es enthielt mehrere antike Schmuckstücke aus hochkarätigem Gold, die zum Teil mit intensiv funkelnden Diamanten und farbenprächtigen Steinen besetzt waren. Den Materialwert des Edelmetalls festzustellen, würde leicht sein, denn entsprechende Punzen gaben den Goldgehalt an und eine Schmuckwaage hatte Aaron im Schreibtisch seines Großvaters bereits erspäht. Er würde sein Wissen im Bereich edler Schmucksteine jedoch durch eine gründliche Internetrecherche noch ein wenig aufpolieren müssen, um einen halbwegs realistischen Gesamtwert der Stücke ermitteln zu können. Doch er war sicher, es würde ein schwindelerregender sein.
Zur Person des Korbinian von Eschenberg ließ sich allerdings nichts weiter mehr herausfinden. Auch eine entsprechende Suchanfrage am Handy blieb erfolglos. Und Aaron ließ es dabei bewenden. Denn dieser Mann war offensichtlich genau das, was er von sich behauptet hatte: In dieser Welt nicht relevant. Ein Phantom. Jedoch eines, das dem Antikhof Pfundeisen buchstäblich den morschen Hintern gerettet hatte – zumindest fürs Erste. Denn mit dem Bargeld aus dem Verkauf des Spiegels und den noch zu erwartenden Erlösen für Limousine und Schmuckstücke konnte Aaron bereits die ersten Renovierungsarbeiten planen. Rasmus Hasse würde Augen machen. Und sein Vater ebenso.
Das Finanzamt würde wohl eher nichts davon erfahren, denn der schwarze Spiegel tauchte in keiner Inventarliste auf, wie John Aubrey versichert hatte. „Wir haben ihn damals bar bezahlt und der Verkäufer wollte lieber anonym bleiben“, hatte er schulterzuckend berichtet. „Viele unserer Geschäfte liefen so ab. Ich meine, wer würde einem denn so manches auch nur ansatzweise glauben, nicht wahr?“ Und da auch Korbinian von Eschenberg offensichtlich nicht nach einer Rechnung gefragt hatte, würde Aaron diese Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Ganz in der Tradition seines Großvaters, sicherlich zur Freude seiner jederzeit zur Rebellion gegen den kapitalistischen Staatsapparat bereitstehenden Mutter und selbstverständlich zum Entsetzen seines überaus korrekten Vaters. Doch auch dieser würde nichts von der Geschichte erfahren. Keiner von ihnen würde das. Diese Geschichte war sowieso schon unglaublich genug, wirkte bei Tageslicht betrachtet beinahe unwirklich, als sei die Erinnerung daran mehr ein verblassender Traum als ein wahrhaftiges Erlebnis. War da gestern Abend wirklich ein Mann durch einen Spiegel in eine andere Dimension gegangen? Und hatte Aaron dieses Portal danach unwiederbringlich mit einem eigens dafür angefertigten Gehstock zerstört?
Es kam ihm nun beinahe lapidar und unpassend vor, die Limousine in einem Verkaufsportal für Automobile im Internet gänzlich emotionslos und ausschließlich faktenbasiert zu präsentieren. Natürlich hatte Aaron darüber nachgedacht, den Wagen zu behalten, sich dann aber recht zügig dagegen entschieden. Dieses Auto passte nicht zu ihm. Er hatte zunächst ein wenig zum Wert des Wagens recherchiert und probierte es einfach mal mit einem mittleren fünfstelligen Betrag. Ein wenig schwirrte ihm der Kopf bei diesem Gedanken. Doch diese für ihn unvorstellbaren Summen schienen in der Tat nötig zu sein, um den Antikhof Pfundeisen für die nächsten Jahrzehnte zu erhalten. Und nichts weniger war inzwischen Aarons Ziel. Welch außergewöhnliche Wendung in dieser Geschichte das doch war, dachte er bei sich. Eine Wendung, die er nicht hatte kommen sehen. Wie in den alten Geschichten seines Großvaters. Und wieder einmal kam ihm die Frage in den Sinn: „Wie viele seiner Erzählungen hat Opa wohl wirklich selbst erlebt?“ Vieles, was Aaron früher als reine Fantasie vorgekommen wäre, hielt er inzwischen für durchaus möglich.
Nun endlich saß Aaron in einer gemütlichen Ecke des Ladens inmitten der antiken Möbel aber am Keyboard, welches wie ein Fremdkörper in dieser Umgebung wirkte. Und er raufte sich zum wiederholten Male die Haare. Denn sein Klavierlehrer John Aubrey setzte deutlich zu viele Kenntnisse voraus, wurde schnell ungeduldig und war im Allgemeinen ein eher unkonzentrierter Zeitgenosse. Zu oft fielen ihm in den unpassendsten Momenten zudem süffisante Anekdoten seines langen Lebens und seines noch längeren Todes ein, die er wortreich zum Besten geben musste. Kurzum: Aaron kam mit ihm überein, das Klavierspielen auf eine etwas modernere Art und Weise zu erlernen. Über Internet-Videos. Es stellte sich heraus, dass der „Kanon D-Dur“ von Pachelbel ein beliebtes Einsteigerstück war und es nur so von Anleitungsvideos wimmelte. Und Aaron stellte sich gar nicht mal so ungeschickt an, wie auch John Aubrey nach einiger Zeit wohl oder übel anerkennen musste.
„Wow, da wirst du aber noch ein bisschen üben müssen, wenn du damit bei unserem Sommerfest auftreten willst!“ Richtig, Thea wollte ja vorbeikommen! Und offensichtlich war sie wieder einmal ohne Klingeln und ohne Klopfen hereingekommen. John Aubreys Mine wirkte unschuldig und unbeteiligt, allerdings ein klein wenig zu bemüht, um wirklich authentisch zu sein. Er hatte Thea wohl mal wieder in den Antikhof und darüber hinaus auch unwiderruflich in sein geisterhaftes Herz hineingelassen.
„Naja, also ich finde, für gerade mal eine Stunde Üben ist das gar nicht so…“ Aaron stutzte. „Wir machen ein Sommerfest?“ Thea strahlte über das ganze Gesicht. „Hier!“ Sie streckte ihm ihren Zeichenblock entgegen. In feinster Handarbeit hatte sie ein Plakat entworfen, das Aaron augenblicklich an einen geheimnisvollen, antiken Jahrmarkt denken ließ, auf dem es nicht mit rechten Dingen zuging. Er konnte die Drehorgelmusik geradezu hören und sah vor seinem inneren Auge den unheimlichen Nebel nach Mitternacht über das Jahrmarktgelände mit seinen vielen Lichterketten und den rot-weiß-gestreiften Spielbuden wabern. Und er sah Herren mit Zylinder und Gehstock vornehm über die sandigen Wege flanieren, die den unheimlichen Schatten in der Dunkelheit um sie herum keinerlei Beachtung zu schenken schienen. Hatte ihm sein Großvater nicht sogar mal eine Geschichte erzählt, die auf einem solchen Jahrmarkt gespielt hatte? Da fiel ihm ein, dass er ja auch noch keinen Plan hatte, was er mit dem außergewöhnlichen Gehstock des Herrn von Eschenberg anfangen sollte. Behalten? Verkaufen? Zu einer Lampe umarbeiten? Offensichtlich hatte er sich ordentlich in seinen Gedankenbildern verirrt und war in den letzten Sekunden schweigend und Löcher in die Luft starrend dagesessen, denn Thea räusperte sich auffällig laut: „Und? Was meinst du?“
„Ich find‘s ziemlich gut, muss ich sagen, also ich würde hingehen!“ Aaron stand auf, gab Thea den Zeichenblock zurück und ging ein paar Schritte auf und ab. „Aber ob ich in der Lage bin, es zu veranstalten, da bin ich echt noch unschlüssig!“ Er setzte sich seufzend wieder auf seinen Hocker am Keyboard. Thea legte den Block auf einer Kommode in der Nähe ab, stellte ihre Tasche auf den Boden, zog sich einen Stuhl aus der Nähe heran und setze sich neben Aaron. „Das bist du!“ Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. „Denn ich habe nur das gemalt, was dein Opa letzten Sommer schon auf die Beine gestellt hat. Gut, ein bisschen dramatisch in Szene gesetzt, zugegeben, aber das läuft schließlich unter künstlerischer Freiheit! Aber wenn du in einem Dorf wie diesem einen Grill mit Würsten und einen Getränkewagen hinstellst, dann hast du die Bude ruckzuck voll, verlass dich drauf!“ Aaron schielte zu John Aubrey hinüber, der in einer Ecke stand und offensichtlich versuchte, etwas in Zeichensprache zu erklären. Ein „Daumen hoch“ und hektisch fuchtelnde Zeigefinger, die nach draußen Richtung Garten zeigten. Und Hände, die eine Art Haus oder Hütte pantomimisch darzustellen versuchten.
„Also, ich denke, die Sachen hat mein Großvater draußen im Gartenschuppen gelagert?“ Es war als Frage formuliert und John Aubrey nickte zufrieden und streckte abermals den Daumen in die Höhe. „Toll, Mensch, dann können wir uns das vielleicht gleich mal anschauen?“ Thea war aufgesprungen. Sie war noch nie zu bremsen gewesen, wenn sie von einer Sache begeistert war. Daran hatte sich über all die Jahre also auch nichts geändert. „Jetzt?“ Aaron schaute aus dem Fenster. „Es dämmert schon und ich weiß nicht, ob wir da Licht haben!“ John Aubrey nickte aufgeregt mit dem Kopf und betätigte einen imaginären Lichtschalter. „Aaaber wahrscheinlich haben wir da Licht, weil mein Großvater sicherlich dafür gesorgt hat!“ Er grinste Thea an. So ein bisschen wirkte ihre Euphorie noch immer mitreißend auf ihn. Auch das hatte sich also nicht verändert.
„Na, dann mal los, der Kanon D-Dur läuft mir ja nicht weg! Nur werd ich auf dem Sommerfest auf keinen Fall Klavier spielen. Mir würde da was vollkommen anderes vorschweben.“ Er ging voran und grinste, denn er konnte Theas Neugier in Form eines leichten Kribbelns in seinem Nacken förmlich spüren. Er zählte innerlich bis Drei. „Und was?“ fragte Thea da auch schon. Aaron drehte sich um und strahlte sie gut gelaunt an. Dabei schielte er auch zu John Aubrey hinüber, der einige Schritte dahinter folgte: „Geisterbeschwörung!“ flüsterte er mit erhobenem Zeigefinder, den er dann mit einem verschwörerischen „Schschsch…“ vor den Mund hielt. Mehr sagte er nicht, drehte sich um und setzte seinen Weg fort.
Aaron grinste weiter fröhlich vor sich hin, als er durch den Garten auf den großen Schuppen zuging. Mit einer skeptischen Thea und einem ebenso skeptischen John Aubrey im Schlepptau, die beide einen verblüffend ähnlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatten.
Dem Schuppen hatte Aaron bisher kaum Beachtung geschenkt. Er war ganz hinten im Garten auf die Grenze gebaut und hatte bei genauerer Betrachtung seine besten Zeiten wohl hinter sich. Ein improvisierter Weg aus Waschbetonplatten führte auf die windschiefe Tür zu. Hier stießen sie jedoch auf ein erstes kleines Hindernis, denn die Tür war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Und dieses war ausnahmsweise keines, das man mit einem Zahlencode hätte öffnen können. Aaron stand nachdenklich vor der Tür, als er eine aufgeregte Bewegung im Augenwinkel bemerkte: John Aubrey deutete auf den alten Blumenkasten auf der Fensterbank vor der blinden Plexiglasscheibe. Aaron trat auf die Fensterbank zu, hob den Plastikkasten an und hielt den Schlüssel triumphierend in die Höhe. Thea nickte anerkennend. „Siebter Sinn! Liegt wohl in der Familie!“ meinte Aaron augenzwinkernd.
Aaron tastete instinktiv an der Wand neben der Tür entlang, in der Hoffnung, einen Lichtschalter zu finden, jedoch auch in Furcht vor dem Biss einer übernatürlich großen Spinne, die seit Monaten hungernd im Dunkeln gelauert hatte und deren Moment endlich gekommen war. Zum Glück fand er ersteres. Zwei blanke Glühbirnen, die in ihren unromantischen Baumarkt-Standard-Fassungen von der Decke baumelten, erhellten den Gartenschuppen gerade so ausreichend. Er war ähnlich gut gefüllt wie der Rest des Anwesens, nur lagerten hier keine Antiquitäten und Skurrilitäten. Aaron erkannte bei einem ersten Rundumblick einige Biertischgarnituren in diversen Farben und Zuständen, drei zusammengeklappte Stehtische, eine große Pappschachtel mit bunten Lichterketten und ein Schwerlastregal mit beschrifteten Kisten unterschiedlichster Art. „Tischdecken, Kabel und Steckdosen, Mikrofon…“, las er leise vor. „Also neu scheint hier zwar gar nichts zu sein, dafür aber erstaunlich ergiebig. So ein Gartenfest sollten wir damit stemmen können, meinst du nicht auch, Thea?“
Thea nickte überzeugt. Sie schaute sich ebenfalls staunend im Schuppen um. „Sitzgelegenheiten, Technik und Deko: Check!“ Sie reckte den Daumen nach oben. „Getränke- und Imbisswagen stellt dir der Josef vom Gasthof bestimmt gerne. Verkauf auf eigene Rechnung. Da hast du dann gar keinen Aufwand damit. Das macht er öfter zu solchen Gelegenheiten. Soll ich ihn morgen gleich mal fragen?“ Aaron nickte nur stumm. Er war bereits weiter gegangen, wollte die andere Seite des Schuppens noch erkunden. Im hinteren Teil erkannte er eine altertümliche Werkbank mitsamt Werkzeugen aller Art. Diese schienen aus den verschiedensten Epochen zu stammen und in Erhaltungszuständen von „wie neu“ über „abenteuerlich“ bis hin zu „potenziell lebensgefährlich“ zusammengesammelt worden zu sein. Hier an diesem Ort hatte Anton Pfundeisen wohl auch selbst Hand an diverse antiquarische Möbelstücke gelegt. Das war gut zu wissen, denn sicherlich würde sich eine eigene Werkstatt beizeiten als durchaus nützlich erweisen können.
„Hat mein Großvater das alles extra für das Sommerfest im letzten Jahr angeschafft?“ fragte Aaron. Erst dann wurde ihm bewusst, dass diese Frage John Aubrey galt, der jedoch nicht antworten konnte, ohne ein gewisses Aufsehen zu erregen. Thea war aber nicht wirklich verwundert, denn wahrscheinlich hatte sie einen ähnlichen Gedanken gehabt. „Ich schätze, er hat das nicht zum ersten Mal gemacht. Und das Zeug hat sich dann über die Jahre angesammelt“, meinte sie nachdenklich. „Als Kind war ich im Sommer häufig hier, da gab es keine Sommerfeste. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste… Aber ich war dann ja einige Jahre gar nicht mehr da, nicht einmal in der Nähe. War in der Welt unterwegs. Genau wie du. Offensichtlich war Anton Pfundeisen in diesen Jahren nicht untätig“, dachte Aaron laut nach. Im Augenwinkel sah er John Aubrey bedächtig nicken. „Wahrscheinlich kam irgendwann der Moment, in dem der Antikhof kein Selbstläufer mehr war. In dem Opa auf neue Marketingideen setzen musste… Du warst letztes Jahr als Servicekraft dabei?“ Diese Frage war nun wirklich an Thea gerichtet. „Ja, hat Spaß gemacht… Ich war da gerade zurückgekommen. Und hab versucht, wieder Fuß zu fassen in der Gegend. Da kam mir das schon ziemlich gelegen. Und es hat mir auch den Job im Gasthof eingebracht! Josef hat damals die Würstchen geliefert, dein Opa hat selbst gegrillt. Aber das hat nur so mittelmäßig funktioniert!“ Sie lachte. „Die Hälfte der Würstchen war schwarz verbrannt und die andere Hälfte halb roh. Doch der Stimmung hat das in keiner Weise geschadet.“ Sie schaute sich nachdenklich um. „Diesem Ort wohnt wohl auch ein ganz eigener Zauber inne, denke ich!“ Wie recht sie damit doch hatte, dachte Aaron seufzend.
Irgendwann hatten sie den Schuppen verlassen, das Licht ausgeschaltet und die Tür wieder verriegelt. Waren dann schweigend in den Antikhof zurückgekehrt. Aaron hatte kurz nachgedacht und Thea dann zu sich nach oben in die Wohnung an den kleinen Küchentisch eingeladen, wo er einen starken Kaffee kochte. Aaron vertrug Koffein am Abend eigentlich nicht so gut, die Nacht würde daher wahrscheinlich eher unruhig werden. Dennoch erschien es ihm für diesen Abend perfekt. Und wirklich: Der heiße Kaffee tat gut und schien einige Lebensgeister zu wecken, die es sich bereits unter einer gemütlichen Decke aus Erschöpfung und Überwältigung bequem gemacht hatten.
„Was hältst du davon, wenn wir ein Frühsommerfest daraus machen? Ein Pfingstfest. In den Ferien mit den Touristen und den Leuten aus dem Dorf. Oder meinst du, das ist jetzt zu knapp?“ fragte Aaron nachdenklich. Thea strahlte über das ganze Gesicht: „So gefällt mir das! Keine Zeit verlieren, legen wir los!“ An diesem Abend legten sie allerdings nicht mehr los. Zumindest nicht mit den Planungen des Gartenfestes. Stattdessen begannen sie, zu erzählen. Von den letzten Jahren. Und das erste Mal ging es in ihrem Gespräch nicht um den Antikhof. Als es schon stockdunkel geworden war und eigentlich schon deutlich zu spät fürs Abendessen, waren sie in ihren Erzählungen dann schließlich in der Gegenwart angekommen. Und bemerkten erst jetzt, wie hungrig sie eigentlich waren.
Und etwas anderes wurde Aaron ebenfalls erst in diesem Moment bewusst: John Aubrey hatte sich an sein Geisterehrenwort gehalten und war ihnen nicht nach oben gefolgt. Kurz dachte er amüsiert daran, wie schwer das wohl für einen so klatschbesessenen Menschen sein musste. Auch wenn er kein richtiger Mensch mehr war, sondern eine Seele in geisterhafter Menschengestalt. Aber machte eine Seele den Körper nicht erst zu einem Menschen? War John Aubrey nicht genauso Mensch wie er, nur in einem anderen Zustand? Wieder einmal war er in seinen Gedanken abgedriftet. Theas Frage hatte er nur am Rande wahrgenommen. Er sah sie an, sah ihr direkt in die Augen. Dass er diese Augen durchaus vermisst hatte, war ihm die letzten Jahre ganz und gar nicht klar gewesen. Auf rein freundschaftlicher Basis natürlich.
„Komm mit, wir fahren an den See!“ Er schnappte sich Theas Hand und sie stürmten gemeinsam die Treppe hinunter, sprangen in den Bus und tuckerten zu einem Parkplatz direkt am Chiemsee, in der Nähe einer noch recht neuen Strandbar, in der man auch um diese Zeit noch einen kleinen Snack zu angesagten Chill-Out-Beats genießen konnte. Sie erzählten und lachten. Dann kam der Moment, in dem sich Thea nach der auffälligen schwarzen Limousine im Hof erkundigte. Aaron hatte die ganze Zeit gar nicht daran gedacht, dass der Nobelschlitten natürlich Fragen aufwerfen würde. Blitzschnell versuchte er, eine halbwegs plausible Erklärung zu finden, die nur haarscharf an der Wahrheit vorbeidriftete. Ein weiteres Mal. „Das ist eine… seltsame Geschichte… Wir verkaufen den Wagen im Auftrag eines alten Kunden, der gestern… im Antikhof war… Ja, Kundenservice halt, sozusagen!“ Thea legte ihre Stirn in Falten. „Wer ist wir?“ Aarons Magen verkrampfte sich. Er hatte sich also gerade beinahe verplappert. „Na, du und ich? Der Antikhof Pfundeisen?“ Aaron lächelte sein unschuldigstes Lächeln. Er musste sich in Zukunft unbedingt besser konzentrieren. Zum Glück hakte Thea nicht weiter nach. In diesem Moment jedoch fällte Aaron eine Entscheidung.
Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen, bis sie beide schließlich zu frösteln begannen. Die Nächte konnten noch ganz schön kühl werden hier am Wasser und die tapfer vor sich hin glimmenden Heizpilze kamen irgendwann nicht mehr dagegen an. Und da die Touristen um diese Zeit des Jahres noch nicht in Heerscharen über die Gegend hergefallen waren, verließen sie als letzte Gäste das Gelände, sehr zur Erleichterung des Menschen hinter der Bar, der nun endlich Feierabend machen konnte. Und wie sie so gemeinsam durch die Dunkelheit zum Parkplatz zurückliefen, einvernehmlich schweigend und den Moment genießend, fühlte Aaron sich mit einem Mal unbesiegbar.
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„John, ich habe immer noch nichts zu dem Thema zu sagen, wir sind nur Freunde!“ John Aubrey hatte es einigermaßen verdaut, am gestrigen Abend nicht dabei gewesen zu sein. Doch seine Vergangenheit als Klatschreporter schien sich zu diesem Anlass Bahn gebrochen zu haben, denn beharrlich versuchte er seitdem, pikante Details zu den Geschehnissen des Abends aus Aaron herauszukitzeln. Nur, dass es nichts herauszukitzeln gab. Thea war nach Hause gefahren, nachdem sie zum Antikhof zurückgekehrt waren. Da war auch kein unangenehmes Zögern gewesen, kein etwas zu langer Blick, keine in der Luft liegende Erwartung eines Abschiedskusses. Zumindest nicht auf Theas Seite. Hatte Aaron für einen Moment etwa daran gedacht? Nicht wirklich. Und dass das letzte, an das er vor dem Einschlafen gedacht hatte, Theas Augen waren – das hatte rein gar nichts zu bedeuten.
An diesem Vormittag machte Aaron Fortschritte am Klavier. Ein gewisses musikalisches Talent war ihm wohl von seiner Mutter in die Wiege gelegt worden, das ließ sich nicht verleugnen. Aaron hatte sich eigentlich vorgenommen, sich ausreichend Zeit zu lassen bei der Umsetzung seines Plans. Doch er war in manchen Belangen leider auch ein sehr ungeduldiger Mensch. Und so kam es, dass er bereits am Abend mit einem wieder einmal skeptischen John Aubrey im Schlepptau im Keller des Antikhofs an jenem antiken Klavier stand, das schon einige Male wie von Geisterhand den „Kanon D-Dur“ von Pachelbel gespielt hatte. Und letztere Redewendung konnte man in diesem Falle wohl wörtlich nehmen. Zumindest hoffte Aaron, dass es sich nur um eine Geisterhand handelte. Denn von dieser ging, wollte man John Aubrey Glauben schenken, keine echte Gefahr für ihn aus.
„Kellertür und Fahrstuhlschacht sind geschlossen?“ erkundigte sich Aaron sicherheitshalber. John Aubrey nickte. Sein fahles Gesicht wirkte im Angesicht der Erwartung des Unbekannten besonders blass. Aaron stellte eine Kerze auf das Klavier und zündete sie an. „Falls der Strom ausfällt“, erklärte er John. Dieser nickte ein wenig erleichtert.
Aaron setzte sich auf den kleinen Schemel, der beim Klavier stand, klappte den Tastendeckel auf und begann, leise und langsam zu spielen. In der Stille des Kellers klangen die Töne erschreckend laut und füllten den Raum nahezu vollständig aus. Das Klavier war zwar deutlich verstimmt, doch so fielen die kleinen Unsauberkeiten seines Spielens kaum auf. Die Melodie klang schräg und schön zugleich, unheimlich und beruhigend gleichermaßen. Mit einem Mal hielt Aaron inne und schnupperte in die Luft. Er beendete sein Spiel und stand auf. „Riechst du das auch, John?“ John Aubrey hob den Zeigefinger und holte zu einem Vortrag aus, der mit „Nun, mein Herr Pfundeisen, mit dem Riechen ist es so eine Sache: Wohingegen mir das Hören und Sehen leichtfällt, bereitet mir der Geruchssinn große Schwierigkeiten in dieser Dimension…“ begann, jedoch von Aaron ungeduldig abgewürgt wurde. „Es riecht verbrannt!“ rief er alarmiert.
Doch so sehr sie sich auch bemühten, sie fanden keinen verdächtigen Rauch, keine Spur eines Feuers. Auch der Geruch hatte sich in Windeseile verflüchtigt, nachdem Aaron aufgehört hatte, die Melodie zu spielen. Sie hatten die unmittelbar in der Umgebung liegenden Bereiche abgesucht, hatten sich dabei nur wenige Meter vom Klavier entfernt. Doch als sie dorthin zurückkehrten, fiel Aarons Blick augenblicklich auf die Kerze, die nun nicht mehr brannte. Der Docht verglomm gerade in einem letzten Glühen, einen kleinen Faden aus Rauch in die Luft entlassend. „Ich glaube, mein Plan wird aufgehen, John“, sagte Aaron leise. Er sah sich noch einmal um. Sein Blick blieb kurz an einem der Schränke haften, die ganz in der Nähe standen. Ein Lächeln huschte ihm über das Gesicht, als er die kaum erkennbaren Spuren von verbranntem Holz an der Fußleiste des ihm bereits aus Kindheitstagen bekannten Möbelstückes entdeckte. „Aber er oder sie möchte wohl, dass wir das Licht löschen. Was meinst du dazu, John?“
John hatte sich aufgrund allgemeiner Sicherheitsbedenken und keinesfalls aus blanker Furcht vehement gegen das Ausschalten des Deckenlichtes ausgesprochen, war jedoch von Aaron überstimmt worden. Da er auf Handy und Taschenlampe verzichtet hatte, trug Aaron nun die brennende Kerze vor sich her, um wieder sicheren Fußes zum Klavier zu gelangen, nachdem er am Treppenabgang den Schalter mit dem Seilzug betätigt hatte, um das Licht zu löschen. „Wir sollten das bei Gelegenheit mal auf Sprachsteuerung umbauen“, meinte er, während sie gemeinsam durch die Gänge schlichen. Aaron warf flackernde Schatten, die in der Dunkelheit ein eigenes Leben zu beginnen und in die Schwärze zu flüchten schienen, um sich mit ihresgleichen zu verbünden. „Sprachsteuerung? So etwas gibt es?“ hakte John nach. Er war sichtlich froh darüber, ein ablenkendes Gespräch führen zu können. „Na klar. Und noch viel mehr. Da sollten wir uns mal ein paar Gedanken dazu machen.“
John dachte nach. Schließlich fragte er mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme: „In dieser mobilen Rechenmaschine liegt doch auch der Zugang zum gesammelten Wissen der Menschheit… In diesem sogenannten Interstate, nicht wahr?“ Aaron runzelte die Stirn. „Das Internet. Ja, na klar. Es gibt aber auch genug unnötigen Quatsch im Internet, das kannst du mir glauben. Aber zumindest reicht es für‘s Klavierspielen. Und wir haben ja auch deinen Wikipediaeintrag dort gelesen!“ John fragte unsicher: „Und einen solchen Eintrag gibt es über jeden Menschen?“ Aaron lachte. „Nein, nur über die, die eine gewisse Relevanz in der Vergangenheit oder Gegenwart haben. Das ist doch recht schmeichelhaft für dich, oder?“ John lächelte gekünstelt. „Nun, in der Tat… Könntet ihr mich aber vielleicht bei Gelegenheit einmal in die Kunst des Internets einweisen, so dass ich einige, nun, ich möchte sagen, persönliche Nachforschungen anstellen könnte?“ Aaron runzelte die Stirn. „Klar, kann ich machen… Ich nehme an, du sagst mir nicht, worum es bei dieser persönlichen Angelegenheit geht?“ John Aubrey sah verlegen zu Boden. „Zum jetzigen Zeitpunkt eher nicht, es wäre mir unangenehm. Doch ich möchte nicht ausschließen, dass ich zu gegebener Zeit meine Erkenntnisse mit euch teilen werde.“ Aaron lachte leise. „Abgemacht. Wenn wir diese Nacht überleben, bring ich dir das Internet bei!“
Sie hatten das Klavier erreicht und Aaron hatte sich wieder auf dem Schemel niedergelassen. Er lockerte seine Schultern, atmete tief durch und blies dann, nach einem letzten aufmunternden Blick zu John Aubrey hinüber, die Kerze aus. Es herrschte augenblicklich absolute Dunkelheit, in der man nun nicht einmal mehr Schatten wahrnehmen konnte. Und ob die Augen geöffnet oder geschlossen waren, ließ sich bereits nach Sekunden nicht mehr mit Sicherheit sagen. Aarons Finger berührten vorsichtig die Tasten. Er suchte die korrekte Position, setze sich aufrecht hin und begann erneut, zu spielen.
Dieses Mal lief es erstaunlich reibungslos, trotz seines bis zum Hals klopfenden Herzens. Er versuchte, ruhig zu atmen und den Rhythmus seines Herzschlags dem beruhigenden Takt der Melodie anzugleichen. Er hatte noch nicht das gesamte Stück gelernt, doch der Kanon bestand aus sich immer weiter verzierenden Variationen eines Grundthemas. Und so wiederholte er die ersten Variationen einfach immer wieder in einer Art Endlosschleife und spielte sich dabei in einen fast tranceähnlichen Zustand. Er wurde eins mit der Melodie. Sein Gehör war der Sinn, der in diesem Moment am klarsten funktionierte und die Führung übernahm. Daher nahm er nur wie aus weiter Ferne wahr, dass sich wieder der Geruch nach verbranntem Holz in seine Nase schlich. Seine Aufregung wuchs. Doch er hörte dieses Mal nicht auf, zu spielen. Und dann konnte er es deutlich spüren: Sie waren nicht mehr allein.
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An dieser Stelle muss sich er geneigte Leser nun erst einmal gedulden - das nächste Kapitel ist zwar bereits in Arbeit, aber offensichtlich noch nicht fertig gestellt...
