"Aaron Pfundeisen",  Alle Texte,  Geschichten

ALTE GESCHICHTEN Kapitel 6

Eine nächtliche Heimkehr

Um dieses Kapitel zu verstehen, sollte man sich unbedingt die vorangegangenen Teile meines Fortsetzungsromans "Alte Geschichten" zu Gemüte führen. Alle Teile sind unter diesem Link zu finden.

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Es war eine Art stillschweigende Übereinkunft, nach dem hastigen Abdecken des Spiegels schnellstmöglich aus dem Keller in die doch deutlich lebensbejahendere Ausstellungsfläche des Erdgeschosses zurückzukehren. Diese wartete auch bereits in die tröstende Wärme des sanftes Abendlichtes eines Frühlingssonntags getaucht auf John und Aaron. Sie hatten die Treppe genommen, denn um den Fahrtsuhl konnten sie sich schließlich noch zu einem anderen Zeitpunkt kümmern. Außer Atem standen die beiden ungleichen Männer nun inmitten der außergewöhnlichen Welt des Antikhofs Pfundeisen, sahen dabei zu, wie sich der geheime Kellereingang mit dem üppig gedeckten Esstisch wie von selbst verschloss und wussten nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Das erneute Scheppern war nun deutlicher zu vernehmen, vermischt mit dem schrillen Aufheulen eines Motors. Es kam eindeutig von draußen. Etwas ging in der Hofeinfahrt vor sich.

Aaron eilte an eines der Fenster, die zum Hof hinausblickten, tat es ihm gleich und erstarrte. Er ließ seine Schultern sinken und seufzte: „Klar. Sie auch.“

Einem unbeteiligten Beobachter der Szenerie hätte sich folgendes dargeboten: Im Hof des Antikhofs Pfundeisen war ein Gefährt zum Stehen gekommen, einem Wohnmobil nicht unähnlich, das scheinbar hauptsächlich von schreiend bunten Lackschichten, Rost in unterschiedlichen Schweregraden und einer beachtlichen Menge Gaffer-Tape zusammengehalten wurde. Möglicherweise hatte der verwitterte Staketenzaun den Bremsweg des Vehikels verkürzt, denn er neigte sich besorgniserregend nach hinten, als wolle er sich unter der nahenden Kühlerhaube wegducken. Doch das alles war im sich nur langsam verziehenden Dieselqualm kaum zu erkennen. Außerdem wurde der Blick des Betrachters auch schnell auf ein anderes Detail der Szene gelenkt, denn aus dem Führerhaus war eine Person ausgestiegen, die dem Gefährt selbst ebenbürtig zu sein schien: Bunt, grell und auffällig. Die Fahrertür war mit einem Rumpeln nur so halb ins Schloss gefallen und öffnete sich in Zeitlupe mit einem langgezogenen Quietschen im Hintergrund. Doch das schien niemanden zu stören. Die schrille Person drehte sich im Kreis und schaute sich offenbar um. Dann tänzelte sie zielstrebig auf die Eingangstür des Wohnhauses zu, die schon lange nicht mehr in Benutzung war. Dies schien ihr ebenfalls aufzufallen, denn sie verharrte unschlüssig und dachte nach. Doch da wurde bereits einige Meter weiter das große Scheunentor von innen geöffnet.

„Suchst du mich?“ rief Aaron. Die Person drehte ihren Kopf in seine Richtung und ein Strahlen erschien in ihrem sonnengebräunten Gesicht. Sie riss die Arme in die Höhe und eilte auf Aaron zu. „Ronnchen, mein Junge, da bist du ja!“

Hinter Aaron murmelte John Aubrey: „Sie sieht noch verrückter aus als das letzte Mal.“ Aaron nickte stumm. Er bemühte sich um ein entspanntes Lächeln. Nicht, dass er etwas gegen seine Mutter gehabt hätte. Nein, im Gegenteil: Sie hatte ihm in vielen Bereichen des Lebens den Weg geebnet, um der zu werden, der er heute war. Aaron war sich nur nicht immer so ganz sicher, ob das auch wirklich die beste Variante seiner selbst war. Ab und an hätte er sich in bestimmten Situationen des Lebens gewünscht, etwas mehr von der stoischen bayrischen Bodenständigkeit seines Vaters geerbt zu haben. Dann hätte er inzwischen sicherlich eine Festanstellung in einer finanzstarken Branche, einen Bausparvertrag und einen schicken Sportwagen. Aber er hätte andererseits auch keinen selbst ausgebauten Campervan, keine Erinnerungen an zahllose malerische Sonnenuntergänge an den verschiedensten europäischen Küsten und – wer weiß – vielleicht nicht einmal den Antikhof Pfundeisen. Es war nämlich kein Geheimnis in der Familie, dass eben jene konservative Bodenständigkeit seines Vaters immer ein Dorn im Auge des Anton Pfundeisen gewesen war. Und dass letzterer vom ersten Tag an einen Narren an Aarons Mutter als seine Schwiegertochter gefressen hatte, obwohl sie sich gar nicht so häufig begegnet waren. Der Keil zwischen Andreas und Anton Pfundeisen war zu diesem Zeitpunkt schon tiefer in die Vater-Sohn-Beziehung getrieben gewesen und wahrscheinlich war sie nur wegen Aarons Mutter damals nicht ganz zerbrochen. Doch Aaron war hier bei weitem nicht in alle Einzelheiten eingeweiht. Ein Umstand, den er sehr begrüßte. Dennoch war seine Mutter auch immer für eine Überraschung gut und häufig konnte das Leben mit ihr – wie Aaron fand: unnötig – chaotisch und mitunter anstrengend werden.

„Hey, Mom, was führt dich denn hierher?“ Aaron streckte die Arme aus und nahm seine Mutter in dieselben. Sie roch wie meist nach einer Mischung aus Weihrauch und ätherischen Ölen. Ihre grau-blonden Haare trug sie zu einem engen, hohen Dutt gebunden auf dem Kopf, der mit selbst gebatikten Tüchern umwickelt war. Die Lachfalten um ihre Augen zeugten von den vielen heiteren Momenten in ihrem Leben, die kleinen Furchen auf der Stirn von den eher sorgenvollen.

„Ronnchen, wann sagst du endlich Sabine zu mir? Das Konzept von Mutter und Sohn ist doch sowas von überholt. Sind wir nicht alle nur wunderschöne Seelen auf der Suche nach einem Zuhause?“ Aaron runzelte die Stirn. Ja, so war seine Mutter. Sie hatte ja keine Ahnung, dass der Ausdruck „suchende Seele“ in den letzten Tagen eine völlig neue Bedeutung für ihren Sohn gewonnen hatte. Die eine suchende Seele, die just in diesem Moment im Antikhof zugegen war, seufzte leise und verdrehte die Augen. Dass diese freigeistige Lebensweise einem edlen Herrn des 17. Jahrhunderts geradezu frivol erscheinen mochte, verwunderte Aaron nicht. Dass es aber dieser spezielle edle Herr aus dem 17. Jahrhundert auch selbst faustdick hinter den Ohren hatte, war ihm inzwischen ebenfalls sonnenklar. Und daher nahm er an, dass die zur Schau gestellte Entrüstung nur vorgetäuscht war und eine heimliche Bewunderung zu verdecken suchte. Bei dieser Vorstellung musste Aaron ein wenig schmunzeln.

Sabine Pfundeisen – den Nachnamen hatte sie nie abgelegt, maß ihrem bürgerlichen Namen aber generell keine allzu große Bedeutung bei – hielt ihren Sohn an dessen Oberarmen fest und betrachtete ihn interessiert. Wer brachte all den Müttern, Tanten und Omas dieser Welt eigentlich diesen Blick bei? „Lass dich ansehen, Junge, Mensch, groß bist du geworden. Isst du denn genug? Was macht die Liebe?“ All das sagte Sabine Pfundeisen natürlich nicht laut, doch es lag unausgesprochen in dieser einen Geste.

Im gleichen Moment bemerkte sie die Kette mit dem Medaillon, die um Aarons Hals hing und die sich klammheimlich über das T-Shirt geschmuggelt hatte. Sie stutzte und noch ehe Aaron reagieren konnte, hatte sie den Anhänger auch schon in die Hand genommen und betrachtete ihn interessiert. Hinter sich konnte Aaron einen erstickten Schreckensschrei vernehmen und sah im Augenwinkel den edlen Herrn des 17. Jahrhunderts mit einem Hechtsprung hinter einer Kommode verschwinden. Zum Glück konnte dieser sich als Geist nicht mehr die Knochen bei solch einem waghalsigen Manöver brechen. Sabine Pfundeisen drehte den Kopf und sah an Aaron vorbei ins Innere des Antikhofs Pfundeisen. Dabei ließ sie zum Glück den Anhänger los und Aaron konnte ihn schnell wieder unter dem Shirt in Sicherheit bringen. „Äh, ist alles okay, M… Sabine?“ fragte er unsicher. Sabine Pfundeisen schüttelte den Kopf und meinte lachend: „Klar, alles gut, ich hatte nur gedacht… Aber vielleicht waren es einfach die Pilze von gestern Abend… Wobei es ja mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als diese sogenannte Schulweisheit uns vorgaukeln möchte, hab ich Recht?“ Sie lachte. Wie Recht sie damit tatsächlich hatte, konnte sie natürlich nicht wissen. Aaron dachte noch darüber nach, ob die „Pilze gestern Abend“ in einer Sahnesoße zu Nudeln oder in gänzlich anderer Darreichungsform von seiner Mutter konsumiert worden waren, als diese ein langgezogenes „Soooo!“ und ein aufforderndes „Tjaaa!“ von sich gab. Als Aaron augenscheinlich nicht in gewünschter Weise reagierte meinte sie: „Da bin ich also wieder zurück auf dem Antikhof Pfundeisen. Wer hätte das gedacht!“ Vielleicht weil Aaron etwas schockiert dreinschaute fügte sie schnell hinzu: „Keine Sorge, ich bleibe nicht lange! Aber ich muss doch wenigstens mal vorbeischauen, wenn sich für meinen Sohn hier das Leben auf so eine frappierende Art und Weise verändert, oder etwa nicht?“ Nun grinste Aaron und meinte. „Klar, Sabine. Aber sag ruhig Aaron zu mir! Willst du reinkommen?“

Mit dem gleichen ehrfürchtigen Staunen wie Aaron selbst vor einer Woche schritt nun auch Sabine Pfundeisen durch die Ausstellungsfläche des Antikhofs. „Weißt du, ich habe den Anton ja immer bewundert für all das hier und sicherlich war das auch mal ein gut gehender Laden und eine Art Abenteuerspielplatz… Aber jetzt?“ Abrupt drehte sie sich um und sah ihn ernst an: „Willst du dir das wirklich antun?“ Aaron runzelte die Stirn. „Du hast mit Papa gesprochen, oder?“ Unwirsch schüttelte Sabine den Kopf. „Ach, pfff… Ja, der hat mich informiert, aber was der meint ist mir doch egal… Ich mache mir nur Sorgen – du würdest ein gutes Stück Freiheit aufgeben. Ist dir das klar? Und so ganz alleine wird das ein ganz schöner Kraftakt, kann ich mir vorstellen…“ Aaron dachte nach. „Ja, ein Kraftakt wird es. Aber, wie hast du immer gesagt: Wenn du es nicht probierst, kannst du nicht wissen, ob es dir guttut. Und keine Entscheidung muss für immer sein. Stimmt doch, oder?“ Sabine Pfundeisen lachte kurz auf und setzte ihren Weg durch den Antikhof Pfundeisen fort. „Ich konnte ja nicht wissen, dass du dir meine Ratschläge gemerkt hast. Oder überhaupt zugehört!“ Nun musste auch Aaron grinsen. „Naja, nicht immer. Das gebe ich zu. Ab und an aber schon.“ Sie lächelten sich zu und schritten weiter die Gänge entlang. Aaron konnte hinter sich immer wieder einen Schatten wahrnehmen, der ihnen folgte. Wahrscheinlich, um nichts von den gesprochenen Worten zu verpassen. Denn neugierig konnten edle Herren des 17. Jahrhunderts ebenfalls sein. Aaron räusperte sich und meinte mit einem heimlichen Seitenblick: „Ich bin übrigens nicht alleine. Ich habe – Hilfe.“

Er ließ diese Information gerne so vage in der Luft stehen. Seine Mutter sah ihn nachdenklich an. Dann huschte wieder ein Lächeln über ihr Gesicht, das dieses Mal aber etwas Listiges an sich hatte. „Du meinst… es gibt ein Mädchen?“ Aaron verdrehte die Augen und stöhnte ein „Ooooh, nicht das wieder!“ Er lief schnell weiter. Seine Mutter folgte aufgeregt und stammelte: „Ja, oder, oder… ein Junge… Das ist auch ok, weißt du, oder mehrere, da bin ich doch ganz offen, das weißt du ja!“ Aaron blieb abrupt stehen und drehte sich um. Seine Mutter bremste ihren Schritt und sah ihn unsicher an. Aarons Blick war ernst und ein wenig genervt, als er sagte: „Wenn es zu diesem Thema etwas zu berichten gibt, dann sag ich dir Bescheid, ok? Und bis dahin ist es meine Sache, das hatten wir so besprochen, ja?“ Sie nickte eifrig. „Weißt du, als Thea damals ins Ausland gegangen ist, da hab ich ja gedacht, dein Herz sei für immer gebrochen…“ Aaron machte eine verzweifelte Geste mit den Armen. „Du redest ja doch noch über das Thema!“ Nach einer Pause meinte er, zwar schon etwas weniger genervt, dafür aber immer noch sehr bestimmt: „Ich war nie in Thea verliebt, ok? Du hättest es dir gewünscht, das weiß ich. Aber ich komm gut alleine klar. Das hab ich von dir geerbt, weißt du?“ Aarons Mutter entspannte ihre Körperhaltung und schien gar ein wenig peinlich berührt zu sein. „Entschuldige. Ich habe mal wieder eine Grenze überschritten. Das tut mir leid. Du weißt doch, wie gern ich Thea mochte. Vielleicht war ich ja damals trauriger als du, als sie gegangen ist.“ Aaron grinste. „Das glaub ich ja nun auch wieder nicht!“

Nach einiger Zeit des Schweigens, während der sie ihre Runde weiterdrehten, setzte Aaron schmunzelnd hinzu: „Thea ist übrigens wieder da. Wusstest du das?“ Seine Mutter sog aufgeregt die Luft ein. „Oh! Das ist ja wunderbar! Habt ihr euch denn schon gesehen?“ Mit großen Augen blickte sie wieder zu ihrem Sohn hinauf. Doch ehe dieser antworten konnte, war schon wieder ein Geräusch auf dem Hof zu vernehmen. Sabine Pfundeisen eilte an eines der Fenster, die zum Hof hinausblickten, tat selbiges und ließ ihre Schultern sinken, während sie seufzte: „Och nee, doch nicht ausgerechnet jetzt!“

Aaron hatte den Motor des schweren SUVs seines Vaters sofort erkannt. Wenn sein Vater und seine Mutter aufeinandertrafen, dann kam meistens nichts besonders Harmonisches dabei heraus. Zumindest war es bisher immer so gewesen. Doch das letzte Mal, an das sich Aaron erinnern konnte, lag auch schon eine ganze Weile zurück. Wer weiß, vielleicht konnten sich Menschen ja ändern. Vielleicht sogar geschiedene Eltern.

Sabine und Aaron schritten zum Eingangstor und traten auf den Hof hinaus, in dem Andreas Pfundeisen gerade aus seinem tadellos glänzenden Allradungetüm ausgestiegen war und prüfend das bunte Wohnmobil betrachtete, das sich da im Hof breit machte. Als er Schritte hinter sich hörte, drehte er sich um und setzte seine geschäftsmäßig neutrale, undurchschaubare Mine auf. „Sabine“, stellte er fest und streckte die Hand zur Begrüßung aus. Als keiner diese ergriff, fuhr er sich nervös damit durch die ordentlich gegelten Haare. „Ja, ich bin ja auch nur auf der Durchreise. Zurück nach München. Ich war übers Wochenende mit ähm… in ähm… Aber das tut ja auch nichts zur Sache. Ich wollte nur kurz nach dem Rechten schauen. Aber wie ich sehe, machst du das ja bereits, Sabine. Dann kann ich ja eigentlich gleich wieder… Nicht wahr?“ Er räusperte sich und stand unschlüssig herum.

Im Nachhinein wusste Aaron nicht mehr, was um Himmels willen ihn dazu bewogen hatte, doch in einem Anflug von Übermut, Neugier und Abenteuerlust hatte er sich selbst sagen hören: „Leute, das muss doch nicht so unangenehm sein, oder? Wir sind alle erwachsen. Und ihr seid beide bei mir auf dem Antikhof Pfundeisen zu Gast. Das können wir doch feiern, oder? Ich lade euch zum Abendessen ein. Habt ihr Lust?“

Thea hatte nicht schlecht gestaunt, als aus Aarons Campervan nicht nur er, sondern auch seine Mutter ausgestiegen waren und als dann noch der große schwarze SUV direkt daneben eingeparkt und Aarons Vater ausgespuckt hatte und die vereinte Familie Pfundeisen sich gemeinsam in den Biergarten begeben hatte. Eine wirklich herzliche Begrüßung zwischen Thea und Sabine und eine Runde Weißbier später entspannten sich alle Beteiligten ein wenig. Häufig versanken sie jedoch in ausgiebiges Schweigen. Sie tauschten die ein oder andere Oberflächlichkeit aus und seufzten hin und wieder ein unsicheres „Tjaaa.“ Um es kurz zu machen: Es lief phänomenal gut! Nachdem Andreas Pfundeisen noch seiner Besorgnis über den katastrophalen finanziellen Zustand des Antikhofs – laut der nur gut gemeinten Worte seines Kumpels Rasmus Hasse – Ausdruck verliehen hatte, verabschiedete er sich schon bald nach dem Essen. Er umarmte Aaron einigermaßen herzlich und deutete selbiges sogar bei seiner Ex-Frau an. Dann schritt er durch den stimmungsvoll beleuchteten Biergarten und verschwand in der schummrigen Dunkelheit des Parkplatzes. Sabine Pfundeisen sah ihm nach. „Hmm, gut aussehen tut er ja schon immer noch!“ Aaron verschluckte sich an seinem letzten Schluck Weißbier und musste heftig husten. Seine Mutter lachte. „Keine Sorge! Das wird nicht passieren!“

Es hatte sich herausgestellt, dass Andreas Pfundeisen die Rechnung für das Abendessen bereits beglichen hatte, als Aaron bei Thea bezahlen wollte. Diese Geste ließ sich bei ihm in der Regel nur mit einer unter Großzügigkeit getarnten Zur-Schau-Stellung seiner Überlegenheit und Dominanz erklären. Doch heute Abend war sich Aaron in dieser Sache ausnahmsweise nicht ganz sicher.

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Sabine Pfundeisen war in den frühen Morgenstunden schon wieder abgereist, denn eines ihrer vielen Happenings mit haufenweise gleichgesinnten Tagträumern und Traumtänzerinnen irgendwo in Europa stand mal wieder an. Aaron hatte im Halbschlaf die verzweifelten Startversuche des Dieselmotors vernommen und danach sehr lebhaft von einem großen Brand mit verheerender Rauchentwicklung und schreienden Kindern geträumt. Er streckte sich in seinem Bett und verdrängte die unschönen Bilder des Traums. Die Sonne schien wieder einmal in sein Schlafzimmer und kündigte einen weiteren Bilderbuch-Frühlingstag an. Eine neue Woche begann. Und Aaron fühlte sich heute sehr energiegeladen. Es fühlte sich das erste Mal an, als sei er an diesem Ort so richtig angekommen. Zu Hause. Nach einer Woche. Er war erst eine Woche hier und doch war schon so viel passiert. Und auf der anderen Seite lagen noch so viele Fragen, Entscheidungen und Ungewissheiten im absoluten Dunkeln. Doch das konnte einen Pfundeisen nicht erschüttern. Heute nicht!

Aaron machte sich frisch, brühte seine Lieblingskräuterteemischung auf und befüllte seine Thermoskanne damit, denn heute stand ein Ausflug an. „John, wo kann ich hier in der Gegend ein Keyboard kaufen?“ rief Aaron gut gelaunt in den Laden, während er die kläglichen Reste des Bargeldbestandes aus der altmodischen Registrierkasse entnahm. Aus einer schattigen Ecke tauchte die Gestalt John Aubreys auf, die Aaron fragend ansah. „Nun“, räusperte sich John. „Ich kenne mich in der direkten Umgebung nicht sehr gut aus… Ich war zwar viel auf Reisen mit eurem Großvater, doch hier in der Gegend taugt meine Expertise kaum für einen adäquaten Ratschlag. Doch vielleicht haben wir hier in den Lagerbeständen ja ein geeignetes Schlüsselbrett? Wofür benötigt ihr es?“ Aaron sah John ausdruckslos an und während er noch versuchte herauszufinden, ob ihn John mal wieder veräppeln wollte, stahl sich bereits das wohlbekannte schelmische Grinsen auf dessen Gesicht. „Ich weiß schon, ihr wollt ja Klavierspielen lernen. Da eignet sich solch ein neumodisches Gerät wie ein Keyboard natürlich ausgezeichnet. Vielleicht befragt ihr ja mal dieses Internet nach einem geeigneten Einzelhandelsfachgeschäft in der Nähe?“ Aaron zeigte mit dem Zeigefinder auf John und meinte: „Ausgezeichnete Idee.“

Er zückte sein Smartphone, tippte auf dem Display herum und sprach dann in nasalem Ton: „Sagt, edles Internet, wo wäre es mir wohl möglich in meiner nächsten Umgebung ein Musikinstrument käuflich zu erwerben?“ Eine sanfte weibliche Stimme antwortete sehr zum Erstaunen John Aubreys: „Ich habe dich nicht richtig verstanden.“ John trat näher und beäugte das Gerät in Aarons Händen misstrauisch. „Musikalienhandel in der Nähe“, seufzte Aaron. Die geisterhafte Frauenstimme antwortete: „Hier sind einige Musikfachgeschäfte in deiner Umgebung.“ Aaron besah sich die Liste genauer. Natürlich war ein Großteil der Ergebnisse unbrauchbar, weil zu weit weg, zu speziell oder zu dubios. Doch es gab wohl einen kleinen Laden, der mit gebrauchten Instrumenten handelte und der in etwa einer halben Stunde mit dem Auto zu erreichen war. „Fährst du gerne Auto, John?“

John Aubrey fuhr nicht gerne in einem Auto mit. Es erforderte höchste Konzentration seinerseits, um mit der Geschwindigkeit mitzuhalten und nicht durch den Beifahrersitz hindurch zu gleiten und im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke zu bleiben. Wobei er spätestens an der Heckklappe des Kofferraumes gestoppt werden würde, doch darauf wollte er es nicht ankommen lassen. „Das ist schon etwas anderes als in einer Kutsche“, meinte er mit weit aufgerissenen Augen. Zumindest vermutete Aaron, dass Johns Augen bei diesen Worten weit aufgerissen waren. Im Sonnenschein konnte er Johns geisterhafte Gestalt wieder nur vage als flimmernden Umriss erkennen, wobei er sich einbildete, dass es schon deutlich besser funktionierte als noch zu Beginn ihres Kennenlernens. Ob es hier eine Art Gewöhnungseffekt gab? „Das Reisen als solches wurde mit fortschreitender technischer Entwicklung immer anstrengender für mich“, erzählte John Aubrey derweil weiter. „Weil es immer schneller wurde. Und wenn ich nur ans Fliegen denke, wird mir augenblicklich übel. Was waren das für Zeiten, als die Pferdekutsche das beste und schnellste Transportmittel der Wahl darstellte.“ Er seufzte theatralisch.

Aaron runzelte die Stirn, denn etwas kam ihm in den Sinn. „Du bist in einer Kutsche gestorben, weil du einen schrecklich entstellten Geist gesehen hast, richtig?“ John Aubrey drehte seinen Kopf und sah Aaron misstrauisch an. „Nun, so hat es sich zugetragen, wie ich bereits sagte.“ Aaron lächelte. „Nun, dann habe ich aber eine Frage.“ Er machte eine kleine Spannungspause. „Eine Seele manifestiert sich doch in der Blüte ihres Lebens und sieht sozusagen tiptop aus. Warum war das in diesem Fall anders?“ Für einen Moment erstarrte John Aubrey, dann ließ er Schultern und Mundwinkel hängen und seufzte. „Vielleicht habe ich die Geschichte in diesem Punkt ein wenig… ausgeschmückt. Ich meine, es klingt doch eher erbärmlich, beim Anblick eines zwar geisterhaften, aber dennoch vollständig intakten Passagiers zu Tode zu erschrecken. Mir schien es da passender, den Anblick in meiner Erzählung etwas zu modifizieren. Aber ihr habt mich erwischt.“ John Aubrey nickte anerkennend. „Und ihr habt bei meinem kleinen Geister Einmaleins erstaunlich gut aufgepasst, mein Herr Pfundeisen!“ Aaron nickte John zu, bedankte sich und ließ die Sache damit auf sich beruhen.

In den nächsten Minuten genoss Aaron einfach nur die herrliche Fahrt. Die Berge zu ihrer Rechten, die kleinen Dörfer und Höfe zu ihrer Linken, hin und wieder durch kleine, nach Bärlauch duftende Wälder und über den ein oder anderen eisblauen Gebirgsfluss hinweg führte sie der Weg durch die malerische Landschaft des Chiemgaus. Aaron fühlte sich in seinem Van auf Reisen immer am leichtesten. Hier konnte er durchatmen und so etwas wie Freiheit spüren. Nach einer Woche, die er fast ausschließlich in den vier Wänden des Antikhofs Pfundeisen über und unter der Erde verbracht hatte, war dies Balsam auf seine abenteuerlustige Seele. Heute würde ein guter Tag werden. Heute würden die Dinge vorangehen. Dessen war sich Aaron sicher. Er griff nach dem Anhänger unter seinem Shirt und dachte kurz an seinen Opa Anton. „Ich glaube, das kann tatsächlich funktionieren, Opa, ist das zu fassen?“ dachte er bei sich.

Dann fiel ihm wieder der schwarze Spiegel ein. Er war mit sich selbst übereingekommen, zunächst einmal davon auszugehen, dass es sich um eine stinknormale Antiquität handelte und dass der Salzkreis von einer Ratte, einer Maus oder einem anderen vergleichsweise harmlosen Kellerbewohner verwischt worden war. Denn sonst würde er seinen langsam reifenden Plan wohl nicht ganz so unbeschwert in die Tat umsetzen können. John Aubrey war da zwar gänzlich anderer Meinung, doch das wunderte Aaron nicht weiter. Doch mal ehrlich: Portale in andere Dimensionen? Lachhaft. Ein Geist aus dem 17. Jahrhundert? Klar, das wiederum klingt glaubhaft. Aaron grinste, als er seinen eigenen Gedanken folgte. Wie sich seine Weltanschauung in nur einer Woche so frappierend ändern konnte, war eine durchaus bemerkenswerte Angelegenheit.

„Nochmal zum schwarzen Spiegel… Was könnte Eschenberg denn nun alles damit vorhaben? Was wäre denkbar?“ John Aubrey schien zunächst erstaunt über den plötzlichen Themenwechsel, nahm die Gelegenheit aber dankbar an, über etwas anderes als sein peinliches Versterben zu sprechen. „Nun, da gibt es wahrscheinlich so viele Möglichkeiten wie es Legenden über den schwarzen Spiegel gibt. Wenn der Herr die Unsterblichkeit in einer anderen Dimension ersucht, würde ihm der Spiegel als Portal dienen können, wie wir ja bereits vermutet haben. Doch dazu müsste sich die Theorie mit der anderen Dimension erstmal als wahr herausstellen und ihr selbst habt bemerkt, dass die Oberfläche des Spiegels massiv ist und sich ganz und gar nicht nach einem Portal anfühlt. Nehmen wir also an, dass diese Erzählungen Humbug sind. Dann geht es letztendlich also wahrscheinlich um Macht und Einfluss. Vielleicht erhofft er sich, mit Hilfe des Spiegels Einblick in die Zukunft zu erhalten und so einen Wissensvorsprung zu erlangen oder magische Fähigkeiten, hellseherische Visionen mit dem gleichen Zweck. Vielleicht ist er aber auch nur ein gelangweilter reicher Mensch, der sich die Zeit mit einem paranormalen Abenteuer vertreiben möchte, mit einem Kick der besonderen Art. Vielleicht möchte er auch mit seinesgleichen spirituelle Sitzungen veranstalten, die er sich teuer bezahlen lässt. Oder er ist ein exzentrischer Sammler, der es auf die wirklich seltenen Stücke abgesehen hat.“

Aaron dachte nach. „Wie selten sind diese schwarzen Spiegel denn nun tatsächlich?“ John Aubrey überlegte. „Das ist wirklich sehr schwer zu sagen. Ich habe sie wie gesagt nicht sehr oft in meinem Leben und auch nicht in meinem Tod zu Gesicht bekommen.“ Aaron runzelte die Stirn. „Dann lass mich mal anders fragen: In wie viele Antiquitätenläden müsste ich wohl spazieren, bis ich einen schwarzen Spiegel finden würde?“ John Aubrey runzelte die Stirn. Dann dämmerte ihm, worauf Aaron hinauswollte. „Ihr meint: Es war kein Zufall, dass Eschenberg im Antikhof Pfundeisen aufgetaucht ist?“ Aaron zuckte mit den Schultern: „Naja, entweder reist er von einem Antiquitätenhandel zum nächsten und hinterlässt seine Visitenkarte – oder… Er hat, wie auch immer, Kenntnis davon erlangt, dass ein solcher Spiegel in unserem Keller lagert. Und das wäre schon ein wenig erstaunlich.“ John Aubrey nickte zustimmend. „Wisst ihr, mein Herr Pfundeisen, erstaunliche Dinge geschehen im Zusammenhang mit den Stücken des Antikhofs so häufig, dass man entweder aus dem Staunen nicht mehr herauskommt oder es sich mit der Zeit gänzlich abgewöhnt.“

Sie kamen in diesem Moment an ihrem Zielort an. „Jedenfalls würde ich den Spiegel gerne nach oben bringen, ein sündhaft teures Preisschild daran heften und Eschenberg anrufen. Und dann möchte ich mal sehen, was ihm dieser Spiegel wirklich wert ist.“ John Aubrey schien von dieser Idee absolut nicht angetan zu sein. Er versuchte jedoch, sich sein Unwohlsein nicht anmerken zu lassen. „Doch wie soll es dann weitergehen? Was versprecht ihr euch davon?“ fragte er mit kaum vernehmbarem Zittern in der Stimme. Aaron dachte nach. „So genau weiß ich es leider nicht. Doch mein Gefühl sagt mir: Eschenberg kommt sowieso wieder. Und er wird ahnen, dass wir den Spiegel haben. Nenn es eine Intuition. Also können wir doch auch gleich mit offenen Karten spielen. Und erwarten von ihm im Gegenzug das gleiche. Wir verkaufen ihm den Spiegel nur, wenn er uns in seine Pläne einweiht. Und wenn er uns fürstlich entlohnt. Wir müssen ja mal endlich für ordentlich Umsatz sorgen, oder?“ Er zwinkerte John Aubrey zu. „Und jetzt will ich hier ein Instrument kaufen!“ Er zeigte durch die Scheibe nach vorne. Sie hatten direkt vor dem kleinen Laden parken können, denn viel war in dem beschaulichen Ort nicht los. Das Glas der Schaufenster schien über die Jahre schon ein wenig trüb geworden zu sein, doch das Schild über der Eingangstür war wohl erst vor kurzem erneuert worden. Ein kurzer Blick auf die ausgestellten Artikel bestätigte: Hier würden sie für wenig Geld fündig werden.

Mit einem zwar bereits stark abgegriffenen doch noch voll funktionsfähigen  Keyboard und einem passenden, nur leicht angestaubten Ständer machten sie sich zufrieden auf den Rückweg. Sie hatten sogar noch genug Geld übrig, um einige Lebensmittelvorräte und einen günstigen Drucker zu kaufen. Die Adresse des kleinen Elektronikmarktes hatte John Aubrey persönlich von der netten Dame in Aarons Smartphone erfragt und war sichtlich stolz darauf. Ein Mittagessen in einem Restaurant einer bekannten Fast-Food-Kette später rollte der Campervan wieder vor die nun bereits vertrauten vier Wände des Antikhofs Pfundeisen.

Den Nachmittag verbrachte Aaron dann am Laptop im Garten, setzte mit routinierten Handgriffen eine WordPress-Installation auf und startete offiziell die Internetpräsenz des Antikhofs Pfundeisen mit dem Logo von Thea, das diese ihm per E-Mail durchgeschickt hatte. Er formulierte einen kleinen Willkommenstext für die Startseite: „Hallo, ich bin Aaron Pfundeisen und heiße Sie herzlich willkommen in der faszinierenden Welt der Antiquitäten. Bald entsteht hier ein virtueller Vorgeschmack auf das, was meine Besucher hier im einzigartigen Antikhof Pfundeisen erwartet. Die aktuellen Öffnungszeiten sind…“ Er dachte nach. „Aktuell gibt es keine festen Öffnungszeiten. Bitte rufen Sie mich vor Ihrem Besuch an unter der Nummer…“ Er nickte zufrieden. Dann machte er sich daran, den Antikhof Pfundeisen mit der Kamera seines Smartphones in all seinen Facetten in möglichst stylischen Fotos festzuhalten. Die einfallenden Sonnenstrahlen, die feinen Staubpartikel in der Luft und der Hauch eines Vintage-Effekt-Filters sorgten für durchaus beeindruckende Ergebnisse. Er bastelte ein Titelbild daraus und erstellte eine kleine Galerie. Zufrieden betrachtete er sein Werk. Ja, das genügte für den Moment. Darauf konnte er in der nächsten Zeit aufbauen. Er schickte Thea eine Nachricht mit dem Link und bekam einen „Daumen hoch“ von ihr zurück. Kurz darauf schickte sie noch die Nachricht: „Vielleicht die Besucher lieber duzen, um junges Publikum anzusprechen? Ich hab morgen Abend Zeit und noch Ideen. Kann ich vorbeikommen?“

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Es war schon spät am Nachmittag, als Aaron den Laptop zuklappte und nach drinnen ging, die Stufen zur Wohnung hinaufstieg und sich ausnahmsweise einen Kaffee mit der alten Filtermaschine aufbrühte. Zu viel Koffein bekam ihm zwar in der Regel gar nicht gut, doch heute Abend hatte er noch viel vor. Er durchsuchte die Lagerfläche nach einem geeigneten Transportgerät und wurde in einer entlegenen, dunklen Ecke fündig – eine stabile Sackkarre nebst Spanngurten. „Aber lasst uns zumindest den Salzkreis wieder anbringen, wenn der Spiegel hier oben ist, mein Herr Pfundeisen!“ hatte John gebeten. Aaron hatte diesem bescheidenen Wunsch gerne zugestimmt und sich dann mit John zusammen ans Werk gemacht. Hauptsächlich werkelte er natürlich alleine, denn als so richtig nützlich erwies sich die suchende Seele John Aubreys nicht, wenn es um handfestes Zupacken ging. Vielleicht lag es aber auch daran, dass John sich wirklich schwertat, dem schwarzen Spiegel näher zu kommen, als unbedingt nötig. Das verhüllte Konstrukt schwankte dann auch bedrohlich hin und her, als die beiden es im Keller in Richtung Aufzug bugsierten. Eine gefühlte Ewigkeit später und nach ungefähr eintausend Umdrehungen der Kurbel fuhr die Besatzung inklusive schwarzem Spiegel dann schließlich erfolgreich im Erdgeschoss ein. Aaron rollte den Spiegel weiter schwankend durch die große Halle hindurch nach hinten in einen der kleineren Räume des Wohnhauses. Hier war bereits eine komplette dunkelgrün gestrichene Innenwand mit den unterschiedlichsten Wandspiegeln verschiedener Epochen geschmückt. Er räumte eine Vitrine mit antiken Hand- und Kosmetikspiegeln zur Seite und positionierte den gewaltigen schwarzen Spiegel als Herzstück prominent in der Mitte des Raumes. Um John nicht weiter zu beunruhigen, ließ er das schützende Tuch mit den Eisenfäden zunächst an Ort und Stelle. „Den Salzkreis machen wir nachher. Ich will erst noch etwas essen“, meinte Aaron schließlich gut gelaunt zu John, der ihn die ganze Zeit skeptisch bei seinem Projekt beobachtet hatte.

Mit einem Käsetoast in der Hand stand Aaron kurze Zeit später am Küchenfenster im ersten Stock und schaute auf den Hof hinaus. Am Horizont verglühte gerade das letzte bisschen Sonnenlicht in einem dramatischen roten Leuchten und in der Ferne über den Bergen zogen dunkle Wolken auf. Der Wind hatte zugelegt und sorgte für eine kühle Brise. Das sah schwer nach einem dieser plötzlichen Frühlingsgewitter aus, die hier am Rande der Berge genauso schnell aufzogen, wie sie auch wieder verschwanden. Er schloss das Fenster und zog sich ein Sweatshirt über. Im versteckten Arbeitszimmer im Erdgeschoss machte er sich daran, den Drucker in Betrieb zu nehmen. Er entwarf in Windeseile ein schickes Design für ein Preisschild inklusive „AP“-Logo und tippte eine große „2000“ vor das Eurozeichen. Dann hielt er kurz inne und fügte mit einem zufriedenen Grinsen eine „1“ vor der „2000“ hinzu. Der Drucker leistete ganze Arbeit und kurz darauf hielt Aaron das Ergebnis in Händen. „Was meinst du?“ fragte er. John hatte es sich in einem der Ohrensessel gemütlich gemacht und war gerade dabei, einzuschlafen. Er schreckte hoch, kam jedoch nicht dazu, zu antworten. Denn in diesem Moment schickte ein greller Blitz sein gleisendes Licht durch das Dachfenster zu ihnen herein und beleuchtete das schummrige Zimmer für einen Moment taghell.

Ein ohrenbetäubendes Krachen ertönte wenige Sekunden später. Es war gleichzeitig am Himmel und beunruhigenderweise auch draußen in der Scheune zu hören. Ein gewaltiger, langgezogener Donner brach sich Bahn, doch da war noch etwas anderes. Alarmiert und etwas verunsichert sahen sich die beiden Männer an und eilten dann durch die versteckte Tür nach draußen in die große Ausstellung. Dem aggressiven Windzug nach zu urteilen hatte der immer heftiger aufziehende Sturm irgendwo ein Fenster aufgedrückt. In diesem Moment ging die ohnehin spärliche Beleuchtung in der großen Scheune aus und sie verharrten bewegungslos in absoluter Dunkelheit. „Stromausfall“, erklärte John Aubrey. „Liegt an der schon sehr veralteten Oberleitung! Das wird gleich vorbei sein!“ Sie lauschten für einen Moment dem Rauschen des Sturms und dem Knacken und Knarzen in Dielen und Gebälk. Und waren da etwa Schritte zu hören? Aaron hielt den Atem an. Sein Herz schlug schnell.

Glücklicherweise ging die Wandbeleuchtung da schon wieder an und die Geräusche wirkten gleich weit weniger unheimlich. Sie fanden das offene Fenster vorne direkt neben der Eingangstür. Der nun bereits kräftig prasselnde Regen wurde durch den offenstehenden Flügel hereingeweht. „Es schließt nicht mehr so richtig gut“, meinte John Aubrey beinahe entschuldigend. „Wir nahmen immer den hier zu Hilfe!“ Mit diesen Worten griff er hochkonzentriert nach einem Besenstiel in der Ecke und reichte ihn Aaron. Nachdem das Fenster geschlossen und der Besenstiel umständlich zwischen Rahmen und Boden verkeilt worden war, hielten die Flügel dem Unwetter wieder einigermaßen verlässlich Stand.

Aaron hatte eine große Packung Salz aus der Küche geholt. Inzwischen konnte er sich auch denken, warum sein Opa so viele Packungen davon bevorratet hatte. „Bereit?“ fragte Aaron mit abenteuerlustiger Mine, den Zipfel des Tuches, das noch den Spiegel verhüllte in der Hand. „Nun, da ihr euch nicht von diesem Vorhaben abbringen lassen werdet, bin ich wohl oder übel bereit!“ antwortete John Aubrey in sein Schicksal ergeben. Aaron zog das Tuch herab, faltete es einigermaßen ordentlich zusammen und legte es zur Seite. Draußen tobte inzwischen ein ausgewachsener Gewittersturm und sorgte für eine dramatische akustische Kulisse. Wie passend. Mit einem kleinen Klebestreifen befestigte Aaron das Preisschild am Rahmen. Es kam ihm nun selbst beinahe wie ein Frevel vor und das Stück Papier wirkte tatsächlich wie ein Fremdkörper an der ehrwürdigen Antiquität. Er zuckte mit den Schultern und griff zur Packung mit dem Salz, um am Boden den Schutzkreis um den Spiegel zu ziehen. Vielleicht wirkte das ja auch verkaufsfördernd, denn mit spannenden Geschichten ließ sich ja schließlich so manches an den Mann und an die Frau bringen.

Er hatte sich gerade in die Hocke begeben, als eine leise Stimme unvermittelt hinter ihm raunte: „Das wird nicht nötig sein.“ Aaron erstarrte in der Bewegung, sein Magen krampfte sich zusammen und eine Gänsehaut breitete sich auf seinem Nacken aus. Langsam, mit angehaltenem Atem hob er den Kopf und schaute in den Spiegel. Er konnte die Tür hinter sich sehen. Im dunklen Flur stand eine Gestalt, nur schwach vom Schein der Deckenlampe des Spiegelzimmers beleuchtet. Die Gestalt stützte sich auf einen Gehstock, schien dabei jedoch zu zittern und schwankte leicht.

Aaron stand langsam auf, ohne sich umzudrehen, den Blick weiter auf das Spiegelbild gerichtet. Er hatte einen solchen Moment durchaus erwartet, nur nicht ganz so unmittelbar an diesem Abend. „Herr von Eschenberg, es ist mir eine Ehre!“ sagte er dennoch erstaunlich ruhig und drehte sich um. Korbinian von Eschenberg trat aus dem Zwielicht des Flurs in den Raum der Spiegel. Dabei hinterließ er feuchte Schuhabdrücke auf den Dielen und seine sonst so tadellose Erscheinung schien von Regen und Wind in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein. Er atmete schwer, seine Augen waren weit aufgerissen. Herr von Eschenberg konnte seine Erregung in keinster Weise verbergen, legte in diesem Moment aber wohl auch keinen Wert darauf. „Er ist es. Er ist es wirklich!“ sagte er mehr zu sich selbst und schien kaum Notiz von Aaron zu nehmen. John Aubrey hatte sich in eine Ecke des Raumes zurückgezogen und betrachtete die Szenerie sozusagen aus sicherer Entfernung. Selbstverständlich war er bereit, jederzeit geisterhaft einzugreifen, wenn es notwendig werden würde.

Für einen Moment standen alle Anwesenden wie angewurzelt da und versuchten, den nächsten Schritt gut zu überdenken. Dann straffte sich Herr von Eschenberg und bemühte sich, seine strenge und angsteinflößende Fassade wieder herzustellen. Es gelang ihm nur teilweise. Er bemerkte das Preisschild und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er griff mit seiner freien Hand in die Innentasche seines Sakkos und holte einen dicken Umschlag hervor. Er hielt ihn mit ausgestrecktem Arm vor Aarons Gesicht, wobei seine Hand noch immer zitterte. „Das hier sollte genügen. Sind wir uns einig?“ Aaron hob abwehrend die Hände, trat einen Schritt zurück und antwortete: „Oh, Moment, Moment, so hatte ich mir das aber nicht vorgestellt. Ich dachte, wir verhandeln ein wenig. Sie nennen mich einen unverschämten Halsabschneider und ich frage Sie, was Sie mit dem Spiegel vorhaben. Dann sagen Sie mir, dass mich das nichts angehen würde und es nur um Geschäft ginge. Sie würden mich dann nach dem letzten Preis fragen und ich würde, einfach so, den ausgeschriebenen Preis verdoppeln. Um Sie herauszufordern. Sie würden das Spiel natürlich sofort durchschauen und wir würden uns auf einen realistischen Preis einigen und Sie würden mir Ihre Geschichte erzählen. Denn ich denke, Sie haben eine ganz und gar außergewöhnliche Geschichte zu erzählen, nicht wahr?“ Er sah Eschenberg herausfordernd an.

„Meine Geschichte…“ Eschenberg sah Aaron fest in die Augen. „Meine Geschichte würden Sie nicht glauben, wenn ich sie erzählen würde. Doch ich bin bereit, Ihnen eine Frage zu beantworten. Die brennendste Ihrer Fragen, wie ich vernommen habe. Sie wollen wissen, was ich mit dem Spiegel zu tun gedenke. Sie fragen sich, wie ich ihn in meinem Wagen transportieren werde, wo ich ihn hinbringen werde und was dann mit ihm geschehen wird. Und in dieser Frage offenbart sich bereits das große Missverständnis. Denn Sie gehen die Sache sozusagen von der falschen Seite an. Ich will den Spiegel nicht besitzen. Gott bewahre, nein!“ Er lachte leise. Dann wurde sein Gesichtsausdruck hart wie Stein: „Ich will ihn nur benutzen!“ Er ließ diese Worte wirken und beobachtete dabei aufmerksam Aarons Reaktion. Dieser stutzte und dachte darüber nach, was genau diese Worte bedeuten konnten. Eschenberg fügte hinzu: „Sie fragen sich, auf welche Weise ich ihn zu nutzen gedenke. Nun, auf die Weise, die Sie wahrscheinlich bereits vermuten, aber sich nicht in ihren wildesten Träumen als wahrhaftig vorstellen können. Als Portal. Als Pforte.“ Nun wurde Eschenberg wieder sichtlich nervöser und fügte mit lauter Stimme drängend hinzu: „Ich muss auf die andere Seite!“ Dann starrte er mit gierigem Blick auf die schwarze Spiegelfläche. Für einen Moment herrschte eine unheimliche Stille im Raum. Nur der Sturm tobte noch ums Haus und ein Blitz zuckte durch die Fenster. Der anschließende Donner ließ auf sich warten und sein Grollen schien schon leiser zu werden. Das Gewitter entfernte sich bereits.

Aaron räusperte sich. „Ich habe keine Ahnung, wie Sie das machen wollen, Herr von Eschenberg, aber nehmen wir an, es würde Ihnen gelingen. Was erhoffen Sie sich davon? Was wollen Sie dort finden? Sie haben doch keine Ahnung, was auf der anderen Seite sein wird. Dämonen, lebensfeindliche Umgebung, eine andere Zeitrechnung. Vielleicht werden Sie nie mehr lebend zurückkehren!“ Eschenberg sah Aaron nachdenklich an. Dann lachte er laut auf. „Wie ich sehe, haben Sie Ihre Recherchen gemacht. Doch hier liegt ein weiteres Missverständnis vor. Ich lege keinen Wert darauf, hierher zurückzukehren!“ Aaron atmete tief ein. Es schien wahr zu sein: „Sie suchen also nach der Unsterblichkeit? Weil die Zeit auf der anderen Seite für Sie nicht vergeht und Sie nicht mehr altern werden?“

Eschenberg sah wieder zum Spiegel und dachte nach. „Sie denken schon wieder aus der falschen Richtung, Herr Pfundeisen. Betrachten Sie die Sache doch einfach mal von der anderen Seite.“ Er gab sich einen Ruck. „Oder lassen Sie mich erst eine Frage stellen: Was bedeutet Zuhause für Sie, Herr Pfundeisen? Ist es ein Ort oder ist es ein Gefühl? Eine Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist, wenn man etwas darüber nachdenkt, nicht wahr? Sie können sich im Elternhaus ein Leben lang fremd fühlen und genauso gut können Sie in weiter Ferne ein ewiges Zuhause finden. Doch es gibt auch Orte, die sich nie nach einem Zuhause anfühlen werden, so sehr Sie es sich wünschen würden. Und manchmal merken Sie erst, wo Ihr wahres Zuhause ist, wenn Sie es verlassen haben. Und sich danach zurücksehnen. Doch vielleicht können Sie es dann nicht mehr erreichen? Weil Sie den Weg nicht mehr finden?“

Aaron war still geworden, denn ein Gedanke formte sich, der ihm sprichwörtlich den Atem verschlug. „Es dämmert Ihnen, nicht wahr? Und doch können Sie es nicht glauben! Doch es ist die Wahrheit. Ich werde nicht in eine unbekannte Welt gehen, Herr Pfundeisen. Ich werde nach Hause zurückkehren. Endlich. Nach Jahrhunderten der vergeblichen Suche nach dieser einzigen Möglichkeit, nach dem einen Portal in genau diesem einen Spiegel!“ Sein Gesichtsausdruck wurde grimmig. „Nach Jahrhunderten, in denen ich nicht sterben konnte, weil die Zeit hier nicht für mich gilt, in denen ich aber auch nicht richtig leben konnte, weil diese Welt und ihre Bewohner nicht die meinen sind! Eine Welt, die mir immer fremd blieb, in der ich nie Zuhause sein konnte.“ Er schleuderte den Umschlag auf den Boden zu Aarons Füßen. „Am Anfang mag das aufregend gewesen sein. Doch mit der Zeit zermürbte es mich. Nun möchte ich endlich wieder heimkehren.“ Flüsternd fügte er hinzu: „Er hat mich gerufen!“ Er zeigte auf den Spiegel.

Mit einer abrupten Bewegung warf er auch seinen Gehstock zu Aaron, der ihn reflexartig auffing. „Im Umschlag ist genug Geld, ich benötige es nicht mehr. Ich bezahle für den Spiegel und für Ihre Dienstleistung. Sie können meinen Wagen behalten, der Schlüssel steckt, die Papiere und ein unterschriebener Kaufvertrag liegen im Handschuhfach. Ich habe nur noch diesen einen Auftrag für Sie: Zerstören Sie die Spiegelfläche mit meinem Stock, sobald ich hindurchgegangen bin. Verhindern Sie, dass das Portal offenbleibt. Es ist besser für beide Seiten. Glauben Sie mir.“ Aaron war schockiert. Er betrachtete den Griff des Gehstocks genauer und sah, dass er einzigartig und außergewöhnlich gestaltet war. Er hatte die Form eines filigran geschwungenen Hammers. Mit einer stumpfen und einer spitzen Seite. Und war die spitze Seite etwa aus einem gewaltigen Diamanten geschliffen worden? Der Mund stand ihm offen. Er sah Eschenberg an. Dieser hatte die Augen geschlossen und atmete für einen Moment ganz ruhig. Dann öffnete er die Augen wieder und sah Aaron ernst an: „Habe ich Ihr Wort? Kommen wir ins Geschäft?“

Im Nachhinein wusste Aaron nicht mehr, was er geantwortet hatte. Wahrscheinlich hatte er nur genickt und Eschenberg hatte dankbar das gleiche getan. Der Mann aus einer anderen Welt war auf den Spiegel zugegangen, hatte sich dann umgedreht und sich mit dem Rücken zur schwarzen Spiegelfläche gestellt. „Man darf sich dabei nicht selbst betrachten, sonst öffnet sich die Pforte nicht.“ Er hatte die Augen geschlossen und sich behutsam an den Spiegel gelehnt. Die schwarze Fläche hatte nach einem kurzen Moment sanft nachgegeben, hatte leichte Wellen geschlagen, als wäre sie aus zähflüssigem, schwarzem Wasser. So war Eschenberg wie in Zeitlupe in die Schwärze eingesunken. Kurz bevor sein Gesicht verschwunden war, hatte er die Augen geöffnet und Aaron noch einmal angesehen: „Ich hoffe, Sie wissen Ihr wunderbares Zuhause zu schätzen. Leben Sie wohl.“ Dann hatte er die Augen ein letztes Mal geschlossen und war friedlich lächelnd gänzlich im schwarzen Spiegel verschwunden. Die sanften Wellen auf der Oberfläche hatten noch ein wenig nachgebebt, bevor die schwarze Fläche wieder vollständig zur Ruhe gekommen war. So stand Aaron nun andächtig und außer Atem vor dem geheimnisvollen Portal.

John trat an seine Seite. Beide Männer schwiegen. Dann sahen sie sich an. John Aubrey nickte kaum merklich. Aaron holte tief Luft und danach weit aus. Mit einem mächtigen Schlag traf die Diamantspitze des Gehstocks auf den Spiegel. Ein dumpfes Geräusch ertönte, dann ein Knacken. Risse zogen sich von der Eintrittsstelle aus nach allen Seiten und breiteten sich aus, wie die Wurzeln eines Baumes im Zeitraffer. Der schwarze Spiegel knarzte, als würde er sich gegen sein Ende wehren, als wären es seine verzweifelten letzten Schreie, doch es half nichts. Eines nach dem anderen fielen die schwarzen Spiegelscherben aus dem Rahmen und zerbarsten auf dem Boden in noch kleinere Stücke, lautstark, bis nichts mehr von der erhabenen Anmut des schwarzen Spiegels übrig war. Nachdem das Klirren und Klacken ein Ende fanden, wurde es wieder gespenstisch still im Raum. Aaron fiel auf, dass es auch draußen ruhig geworden war. Das Unwetter war vorbei, nur ein sanfter Regen war noch zu hören.

Aaron ließ den Gehstock sinken. Er atmete noch immer schnell und hektisch. „Leben Sie wohl“, keuchte er. Dann wurden seine Beine zu Pudding und er setzte sich vorsichtig auf den Boden. John Aubrey kniete sich neben ihn und legte seine geisterhafte Hand auf Aarons Schulter. Auch wenn sie kalt und körperlos war und zu keiner wirklichen Berührung fähig, so lag doch etwas Wärmendes in dieser Geste. „Ja, ich weiß mein Zuhause durchaus zu schätzen“, flüsterte Aaron. Sie lauschten dem gleichmäßigen Klang der Regentropfen an den Fensterscheiben. Ein erstaunlicher Abend ging zu Ende. Es würde nicht der letzte dieser Art sein.

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Und wie geht es hier nun weiter? Sie haben Glück - das nächste Kapitel ist schon fertig und HIER zu finden!

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