ANTIKHOF PFUNDEISEN – Band 2 – Prolog
Das hier ist der Prolog meines zweiten "Cozy-Grusel-Kurzromans" in der Reihe ANTIKHOF PFUNDEISEN. Er wird "Am Abend des siebten Wunders" heißen. Den ersten Band kannst du als gedrucktes Buch oder als Kindle-EBook auf Amazon erwerben! Am zweiten Band schreibe ich gerade...

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Vor ziemlich genau 30 Jahren.
Anton Pfundeisen legte in der Dämmerung schweigend und mit starrem Blick eine einzelne Rose auf die Erde vor den grob behauenen Stein mit der eingemeißelten Inschrift „Florentine Pfundeisen“. Es war der erste Jahrestag eines viel zu frühen Abschieds und er hatte noch lange keinen Frieden damit schließen können. Im Gegenteil – die Selbstvorwürfe und der Zweifel an den eigenen Lebensentscheidungen hatten nie lauter in seinen Gedanken gewütet. Viel zu oft war er all die Jahre unterwegs gewesen und hatte keine Zeit für seine Frau Florentine und seinen mittlerweile erwachsenen Sohn Andreas gehabt.
Von einer seiner Reisen auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen hatte er gar einen geheimnisvollen Geisterfreund mitgebracht, was die Sache seitdem nicht einfacher gemacht hatte. Die Heimlichtuerei hatte beizeiten sogar für ordentlich Chaos gesorgt. Und für was das alles? Auch seine Geschäftsidee mit dem Antiquitätenladen wollte sich trotz aller Bemühungen noch immer nicht so richtig lohnen. Dabei hatte er über die Jahre bereits das ein oder andere recht einzigartige Stück angesammelt. Geld hatte er bisher aber meist mit dem Lösen von Rätseln aller Art in vielen Teilen der Welt verdient. Er seufzte müde.
Aus dem Dunkeln trat sein geisterhafter Freund John Aubrey neben ihn und senkte ebenfalls betreten den Kopf. „Ihr macht euch schon wieder Vorwürfe, nicht wahr, mein Herr?“ Anton Pfundeisen nickte stumm. „Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sir, Florentine war eine wunderbare Frau, die wusste, was es bedeutet, wenn man sein Leben einer Leidenschaft gewidmet hat. Sie hat euch deshalb stets in der euren unterstützt, auch wenn sie die Faszination für das Geschichtensammeln und Geheimnislüften selbst nicht teilte. Wer hätte denn ahnen können, dass diese fürchterliche Krankheit ihr keine weitere Zeit mehr auf dieser Seite des Daseins gewähren würde.“
Anton Pfundeisen rieb sich hektisch über die Augen. „Ihr habt Recht, John, mein Freund. Ich hatte dennoch gehofft, wir könnten noch mehr Zeit miteinander verbringen. Ich hatte das Gefühl, die Ära des Reisens sei nun langsam vorüber und ich könnte durchaus etwas sesshafter werden. Deshalb habe ich ja auch angefangen, den Antikhof als Ladengeschäft aufzubauen. Wir hätten viel Zeit zu zweit gehabt, jetzt, wo Andreas seine eigenen, wenn auch sehr eigensinnigen Wege geht. Jura will er studieren. Pfff…“ Er schnaubte verächtlich. Das Verhältnis mit seinem Sohn Andreas war seit dessen Pubertät mehr als angespannt. Andreas hatte ihm im Gegensatz zu Florentine nie verziehen, dass er zeitlebens mehr Zeit und Energie in die Jagd nach dem Abenteuer gesteckt hatte als in seine eigene Familie.
Die beiden ungleichen Männer, der Geist des Edelmannes aus dem 17. Jahrhundert John Aubrey und Anton Pfundeisen, der Gründer und Besitzer des gleichnamigen Antikhofs, standen noch eine Weile schweigend am Grab der Florentine Pfundeisen.
Anton griff sich dabei scheinbar geistesabwesend an die Brust, doch das gehörte zu einem Ritual, das seit einiger Zeit sein ständiger Begleiter war. Unter dem Hemd verborgen trug er an einer Kette den Anhänger mit jenem geheimnisvollen Stein, der ihm die Sicht in die „andere Welt“ gewährte. Eine Welt, die von Geistern, Dämonen und allerlei anderen Wesenheiten bevölkert war. Und die den meisten Menschen verborgen blieb. Nur gelegentlich gibt es bekanntlich diese unheimlichen Momente, in denen die Grenzen zwischen den Welten für einen Wimpernschlag verschwimmen und man besonders bei Nacht unbekannte Geräusche hören, körperlosen Stimmen lauschen und eiskalte Schauer aus dem Nichts erfahren kann. Geistergeschichten entstehen auf diese Weise. Und Alpträume jeglicher Art.
Es war nun beinahe stockdunkel geworden und sie mussten demnächst den Friedhof verlassen, wenn sie nicht eine erneute Ermahnung des Nachtwächters riskieren wollten. Und in diesem Moment hörten sie das Lachen zum ersten Mal. Es war ein herzliches, leises Lachen, beinahe ein Kichern, scheinbar voller Vergnügen und in keinster Weise unheimlich in seinem Klang. Doch es gehört wohl zum angeborenen, instinktiven Wissen des Menschen, ein Lachen auf einem nächtlichen Friedhof mehr als Bedrohung, denn als Ausdruck der Lebensfreude zu deuten – und wenn es noch so ausgelassen geklungen hatte. Daher verließen die beiden Freunde den Friedhof auch schleunigst, nachdem sie sich mit einem stummen Blick verständigt hatten.
Sie schritten zunächst zügig, doch mit zunehmendem Abstand zum Friedhof endlich gemächlich durch die friedlichen Gassen des kleinen bayrischen Dörfchens mitten im Chiemgau, in dem Anton seiner Familie auf einem alten Bauernanwesen schon vor langer Zeit ein Nest gebaut hatte und seit kurzem beharrlich versuchte, mit dem Handel von Antiquitäten, Kuriositäten und Raritäten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Anfangsschwierigkeiten. Das würde sich mit der Zeit regeln.
Jetzt im Herbst wurde es am Abend schnell unangenehm kühl und Anton Pfundeisen zog seinen Mantel etwas enger. Der sanfte Wind trieb einen nur knöchelhohen Nebelschleier wie in Zeitlupe über das Kopfsteinpflaster. Antons Schritte hallten an den Häuserwänden wider, während John Aubrey lautlos neben ihm herging. Ohne den Stein an seiner Kette hätte auch Anton die Anwesenheit seines Freundes allenfalls in einem Anflug von plötzlicher Eiseskälte erahnen können, wenn er ihn versehentlich berührt hätte.
Da hörten sie abermals das fröhliche Lachen. Dieses Mal klang es lauter und wurde begleitet von zwei schrillen Quietschtönen. Der Ursprung dieses Quietschens erklärte sich schon bald von selbst, als ihnen in einigen Metern Entfernung eine Gestalt in den Weg trat, die sich als waschechter Zirkusclown entpuppte. Der Clown fasste sich mit sichtlichem Vergnügen an die rote Clownsnase, drückte diese zusammen und ließ sofort wieder los, was der Nase diesen typischen Quietschsound entlockte, den Anton noch aus Kindheitstagen kannte. Wenn er nämlich mit seinen Eltern voller Aufregung und mit roten Wangen gebannt dem Geschehen in der Manege der kleinen Zirkuszelte folgte, die immer wieder in der Gegend Station gemacht hatten. Schon damals war er mit den Artisten und Tänzerinnen, Zauberern und Messerwerfern ins Gespräch gekommen und hatte seine Begeisterung für die Geschichten und Legenden aus längst vergangenen Zeiten, weit entfernten Ländern oder unbekannten Welten entdeckt. Nicht immer zur Freude seiner Eltern, die dem fahrenden Volke jenseits des Unterhaltungswertes durchaus skeptisch gegenüberstanden, wie es in den 50er und 60er Jahren in den Dörfern noch üblich war.
Der Clown in der dunklen Gasse kicherte wieder leise, während er ansonsten weiter unbewegt vor ihnen stand.
Nun war Anton Pfundeisen bei Gott nicht leicht zu ängstigen und ein Clown ließ ihm keinesfalls grundsätzlich das Blut in den Adern gefrieren. Doch so ganz erklären konnte er sich die Anwesenheit dieses einen speziellen Exemplars nun auch wieder nicht. Die Erklärung übernahm der Clown aber kurz darauf höchstselbst, als er plötzlich mit krächzender Stimme in die Nacht schrie:
„Kommt zur Vorstellung, am Samstagabend auf der Dorfwiese, eine einmalige Show, mit Augusto dem Clown, Leontine der Seiltänzerin, Sir Hillary dem Kraftmenschen und vielen mehr! Einmalig ist die Show im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie findet nur einmal, einmal nur am Samstag, danach erst wieder in drei Jahrzehnten hier in eurem schönen Dorfe statt. Denn das ist die Zeit, die an einem Orte vergeht zwischen dem ersten und dem zweiten von den sieben Wundern! Das ist die Zeit, die der Saturn benötigt, um zur Position eurer Geburt zurückzukehren, das ist die Zahl der Meisterschaft, das ist die Zahl des Preises des Schicksals! Das ist die Zahl des Varietés der sieben Wunder!“
Über ihnen wurde ein Fenster aufgerissen und jemand brüllte: „Ruhe da unten!“ Der Clown kicherte, griff in seine Hosentasche und warf einige Papiere in die Luft, die langsam zu Boden segelten. Dann lief er auf seinen viel zu großen Schuhen mit watschelndem Schritt in eine Seitenstraße, von der Anton ganz genau wusste, dass es eine Sackgasse war. Mit einem unguten Gefühl, gepaart mit dieser unangenehmen Gewissheit, was er vorfinden würde, schritt Anton Pfundeisen voran und wagte einen Blick in die Seitengasse. Sie lag, wie konnte es anders sein, verlassen im Mondlicht und wurde nur von einer flackernden Straßenlaterne notdürftig beleuchtet. Der Clown war verschwunden.
Anton ging zurück und bückte sich nach den Papieren. Es waren schwarz-weiß bedruckte Werbezettel des „Spectacle de variétés des 7 merveilles“, die für die Vorstellung am Samstag warben. Merkwürdigerweise auf Französisch. Die 7 war eine verschnörkelte, kunstvolle Zeichnung, verziert mit klassischen Zirkusinsignien. Doch das Papier selbst sah vergilbt aus, beinahe brüchig. Bei genauerer Betrachtung entdeckte Anton Pfundeisen ein aufgestempeltes Datum, das diesen Eindruck noch verstärkte: Es lag Jahrzehnte in der Vergangenheit. Er runzelte die Stirn. Sein Magen kribbelte wie immer, wenn etwas Unerklärliches im Gange war, welches der Ausgangspunkt eines großen Abenteuers werden konnte. John Aubrey hatte sich indes in eine dunkle Ecke zurückgezogen. Der Clown hatte ihn wohl nachhaltig erschreckt.
Anton faltete einen der Zettel vorsichtig in der Mitte, steckte ihn in seine Hosentasche und wollte bereits wieder kehrtmachen, als er etwas am Boden im fahlen Mondlicht glitzern sah. Er bückte sich abermals und hob einen kleinen, filigranen, augenscheinlich sehr alten Schlüssel in einstmals goldener Farbe auf. Das Gold war schon an vielen Stellen abgeblättert und offenbarte rostiges Metall darunter. Auf dem Schlüssel hatte man oben, am Griff, den man fachlich korrekt eigentlich Reide nennt, ein kunstvoll verziertes „A“ eingraviert. „Augusto“, murmelte er.
Anton Pfundeisen hatte in jener Nacht mit einem schweigsamen John Aubrey im Schlepptau noch einen Abstecher zur Dorfwiese gemacht, auf der zwar tatsächlich auch heutzutage noch von Zeit zu Zeit ein Zirkus sein Zelt aufschlug – doch wie er in diesem Fall erwartet hatte, war von einem solchen weit und breit nichts zu sehen. Nun, es waren schließlich auch noch einige Tage Zeit.
Doch als auch am Freitag am späten Abend noch nichts von einem nahenden Zirkusspektakel zu erkennen war, hakte Anton die Begegnung mit dem Clown schulterzuckend als eine jener absurden Merkwürdigkeiten ab, an die er sich in den letzten Jahren bereits gewöhnt hatte. Die leise Drehorgelmusik, die aus einer unbekannten Ferne mit dem Rascheln der Blätter bruchstückhaft an sein Ohr zu wehen schien, nahm er allenfalls unbewusst wahr. Sie jagte ihm zwar eine Gänsehaut über den Rücken, doch sein Bewusstsein gab dem Herbstwind die Schuld dafür. Zettel und Schlüssel des Clowns verwahrte er daraufhin in seinem Arbeitszimmer in einer Kiste mit weiteren kleinen Geheimnissen. Irgendwann, so war er sicher, würde sich auch dieses Rätsel lösen.
Umso größer war seine Verwunderung, als er am nächsten Morgen in der Bäckerei von einer aufgeregten Verkäuferin gefragt wurde, ob er auch zur großen Vorstellung am Abend kommen würde. Denn etwas Einmaliges, nie da gewesenes solle dort schließlich passieren. So jedenfalls hatte es ihr die Seiltänzerin versprochen, die seit heute Morgen durch die nähere Umgebung lief und Passanten ansprach.
Da Anton Pfundeisen zunächst nichts weiter vorhatte an diesem noch frühen Samstagvormittag, schlenderte er noch ein wenig durch die Gassen des Dorfes, bis es an der Zeit sein würde, seinen Laden zu öffnen. Und wirklich: Nicht nur die Seiltänzerin, auch ein Kraftmensch und ein Feuerschlucker waren unterwegs, um die Werbetrommel für die ganz besondere Vorstellung zu rühren. Er betrachtete den Flyer in seiner Hand, den ihm eben der Feuerkünstler überreicht hatte. „Varieté der 7 Wunder“ stand in verschnörkelter Schrift und dieses Mal auf Deutsch darauf. Die „7“ war wieder besonders kunstvoll gestaltet, denn aus ihr wuchsen organisch Sterne, Flammen und ein altmodischer Zylinderhut hervor, der sich einem Zeremonienmeister, einem Zirkusdirektor würdig erweisen würde. Er faltete auch diesen Zettel nachdenklich zusammen und steckte ihn in seine Hosentasche. Dann schlug er den Weg hinüber Richtung Dorfwiese ein.
Auf dieser stand, wie von Geisterhand über Nacht errichtet, ein imposanter Bau – kein Zirkuszelt, sondern eine halbrunde hölzerne Bühne ruhte vor einem riesigen, farbenprächtigen Zirkuswagen, gesäumt von Traversen mit zahlreichen Scheinwerfern, Lichterketten und bunten Wimpeln, die sich sanft im heute angenehm lauen Herbstwind bewegten. Vor der Bühne hatte man mehrere Reihen mit Sitzbänken aufgebaut, ebenfalls halbrund angeordnet.
Im Hintergrund sah er noch einige weitere, kleinere Zirkuswägen, die wohl als Wohnung der beteiligten Artisten und als Lagerraum dienten. Insgesamt zählte er sieben, den großen Wagen an der Bühne mit eingerechnet. Die besondere, verschnörkelte Sieben war auch auf die Front des letzteren gemalt. Dieser Wagen diente als Bühnenhintergrund und aus ihm heraus würden die Akrobaten in der Vorstellung wohl durch einen roten Vorhang hindurch auf die Bühne treten. Hoch oben zwischen den Traversen war bereits das Seil gespannt, auf dem die wagemutige Seiltänzerin allem Anschein nach ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellen würde.
Es war ein faszinierender Anblick. Und insgesamt eine ganz und gar außergewöhnliche Angelegenheit, wie Anton Pfundeisen zudem fand. Wenn zu viele ungewöhnliche Dinge auf einmal passierten, dann begann es nicht nur in Anton Pfundeisens Magengegend zu kribbeln, sein ganzer Körper war dann wie elektrisiert. Denn dann war meist etwas im Gange, das er um nichts in der Welt verpassen wollte. Die Vorstellung am Abend würde er sich jedenfalls nicht entgehen lassen. Und John Aubrey würde er mitschleppen, auch wenn dieser eine ausgeprägte Abneigung gegen Zirkusclowns zu haben schien – woher auch immer diese kommen mochte.
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Konnte ich dich neugierig machen? Du willst wissen, wie es weitergeht? Diesen zweiten Band meiner Serie habe ich noch nicht fertig geschrieben, doch ich arbeite daran. Den ersten Band kannst du aber als gedrucktes Buch oder als Kindle-EBook auf Amazon erwerben!
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