ALTE GESCHICHTEN Kapitel 9
Ein Zauber & ein Anfang
Um dieses Kapitel zu verstehen, sollte man sich unbedingt die vorangegangenen Teile meines Fortsetzungsromans "Alte Geschichten" zu Gemüte führen. Alle Teile sind unter diesem Link zu finden.

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„Ich hatte immer eine andere Vorstellung von Zombies, wenn ich ehrlich bin.“
Aaron saß im Arbeitszimmer wie immer hinter dem großen Schreibtisch, tief in den knarzenden Stuhl eingesunken, während John ein wenig unschlüssig im Raum stand. Sein Stammplatz in seinem liebsten Ohrensessel war belegt von einem kleinen schwarzen Kater, der aktuell zu einem Fellknäuel eingerollt ein überaus friedliches Bild abgab. Ergeben setzte sich John in den anderen Sessel und seufzte. „Nun, letztendlich ist es augenscheinlich ein Körper ohne Seele. Ein lebendiger Körper ohne Seele, um genau zu sein, sonst ergibt das natürlich keinen Sinn“, setzte John zu seiner Erklärung an. „Die Gefahr von Spiegeln, sofern diese als Portale dienen, wurde schon reichlich in der Literatur beschrieben. Was gingen die Menschen schon hinein und hinaus, tauschten dabei unbemerkt die Plätze mit ihrem bösen Zwilling, teilten sich in einen guten und einen bösen Teil oder blieben gefangen in der einen oder anderen Welt. Das meiste davon ist, wie ihr euch sicher denken könnt, gehöriger Mumpitz. Doch scheint es so zu sein, dass Körper und Seele gemeinsam durch die Tore schreiten müssen. Und bleibt eins der beiden versehentlich zurück, dann haben wir sozusagen den Salat. Und eine Rückkehr in diesem speziellen Fall scheint ausgeschlossen, denn, so habt ihr sicherlich schon festgestellt, existiert das Portal nicht mehr.“ Er sah Aaron erstaunlich gut gelaunt an: „Denn ihr habt es zertrümmert!“ Er räusperte sich. Sein Blick fiel auf den schlafenden Sylvester und das Lächeln auf seinem Gesicht wurde breiter. „Der kleine Kerl ist nun auf ewig gefangen in dieser Welt. Er wird nicht altern, denn seine Zeit existiert in dieser, unserer Welt nicht, so kann sie für ihn auch nicht vergehen. Ein Schicksal, das er mit mir teilt, nicht wahr? Ein Gefährte in der Ewigkeit. Für die Ewigkeit.“ Er seufzte wieder und sah den Kater liebevoll an. Aaron schwieg und hing seinen Gedanken nach.
„Was frisst denn so ein Dämon?“ fragte er schließlich. „Zombie!“ erwiderte John empört. „Mit einem Dämon hat das hier nichts zu tun. Ein Dämon ist der böse Teil einer Seele, der nach jahrhundertelangem Umher-Irren und dem Aufsaugen unzähliger negativer Energien schließlich von einem willfährigen Körper Besitz ergreift, die dort beheimatete intakte Seele tötet oder vertreibt und dann fortan in diesem Körper lebt und damit den endgültigen Schritt in die diesseitige Welt vollzieht. Ein Dämon ist mächtig und gefährlich, eine Kombination, die viel Unheil anrichten kann. Zu meinem Glück bin ich erst einmal einem Dämon begegnet und – so möchte ich sagen – das hat für ein Leben und einen Tod gereicht.“ Er schüttelte sich. „Aber du…“ Seine Stimme wurde erstaunlich hoch und quietschig. „Du bist kein kleiner Dämon, nicht wahr?“ Er streichelte sanft über das glänzende, schwarze Fell. Augenblicklich kam Leben in den kleinen Kater, er schnappte pfeilschnell nach Johns Hand, erinnerte sich, dass er damit nichts anrichten konnte, schielte mit einem undurchschaubaren Blick zu Aaron, stand dann mit hoch erhobenem Schwanz auf, sprang elegant vom Sessel und verschwand auf Samtpfoten aus dem Arbeitszimmer. Aaron sah ihm nach und meinte mit einem Schulterzucken: „Alles klar, Katzenfutter kommt auf den Einkaufszettel. Das wird schon passen. Ansonsten findet er sicherlich einen ganzen Haufen Mäuse hier auf dem Gelände.“ John Aubrey nickte zufrieden.
Aaron gähnte herzhaft. Schon wieder lag eine Nacht hinter ihm, in der viel passiert war. So ganz gewöhnt hatte er sich an dieses Tempo noch nicht. Seine Gedanken flogen zurück zu Thea, zu ihrem Lachen am Strand vor erst wenigen Stunden. Das Leben außerhalb der Mauern des Antikhofs erschien ihm wie ein völlig anderes. Voller Licht und Freiheit. Hier drin hatten sich Staub und Dunkelheit zu einer durchaus deprimierenden Mischung vereint. Höchste Zeit, das zu ändern, fand er. Er schreckte hoch, als sein Kopf ihm zur Brust sackte, weil er für einen Moment eingeschlafen war. Zeit, ins Bett zu gehen.
„Der ist ja sooo süß!“ Thea war offensichtlich ebenfalls von Sylvester verzaubert. Aaron war eher skeptisch und warnte sicherheitshalber: „Ja, schon, aber pass auf deine Finger auf!“ Er hob demonstrativ seine Hand in die Höhe, an der sich inzwischen einige Kratzer angesammelt hatten und ein Pflaster mit Dinosauriermotiv am Daumen prankte. Die plötzlichen Attacken des kleinen Katers waren durchaus mit Vorsicht zu genießen. Ob diese Attacken von seinem Zombiesein oder doch nur von seinem Katzesein herrührten, konnte Aaron noch nicht mit Bestimmtheit sagen. „Ach, das kann doch gar nicht sein“, erwiderte Thea jedenfalls ungerührt und nahm Sylvester ohne Vorwarnung in die Höhe, schloß ihn in ihre Arme und drückte ihr Gesicht in sein weiches Fell. „Er riecht so gut!” strahlte sie. Aaron hielt die Luft an, doch Sylvester schien gerade lammfromm zu sein und bedachte ihn mit einem abschätzigen Blick. Er entschwand wieder lautlos mit stolz gerecktem Schwanz in den Weiten des Antikhofs, nachdem Thea ihn abgesetzt hatte. „Wo hast du ihn denn her?“ fragte sie. „Er ist uns… man könnte sagen, er ist uns zugelaufen!“ Thea legte den Kopf schief und verengte die Augen zu Schlitzen: „Wer ist uns?“ Aaron zögerte und ärgerte sich über seine erneute Unachtsamkeit. Verdammt, er musste sich besser konzentrieren. Zumindest für eine kleine Weile noch. An seine gestammelte improvisierte Erklärung konnte er sich später nicht mehr erinnern.
An diesem Nachmittag hatten sie die alten Fliesen im Gästeklo auf der unteren Etage mit einer dieser neumodischen Fliesenfarben in einem sanften Salbeiton überstrichen, die Klobrille in ein gemütliches Bambusmodell getauscht, ein paar bunte Handtücher deponiert und mehrere antike Schwarz-Weiß-Fotografien in verschnörkelten Rahmen an der Wand verteilt. Als Aaron dann gegen Abend endlich die letzten Handgriffe an der neuen Waschbecken-Armatur – nagelneu zwar, doch in goldenem Design mit antiker Anmutung – beendet hatte, betrachteten sie beide ihr Werk mit einem gewissen Stolz. Das konnte sich wirklich sehen lassen. Auch an diesem Nachmittag waren wieder einige Kunden dagewesen, hatten sich begeistert umgesehen und gerne Flyer für das Sommerfest mitgenommen. Und genau so ging es in den kommenden Wochen weiter. Aufräumen, renovieren, Kunden bedienen. Webseite ausbauen, Absprachen treffen, an allem zweifeln, sich auf alles freuen. Überraschungen vorbereiten.
Und dann war der große Abend plötzlich da.
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Aaron saß in seiner kleinen Küche und wartete darauf, dass der Wasserkocher seine Arbeit vollendete. Es war ein altes Modell und es würde dauern. Da er nervös war wie lange nicht mehr, griff er mechanisch zu seinem Smartphone, um seinen Fingern und seinem Gehirn gleichermaßen etwas zu tun zu geben. Er blätterte gedankenverloren durch die Fotos, die er in den letzten Wochen gemacht hatte: Die Vorbereitungen für das Sommerfest, immer wieder Sylvester, der Chiemsee im Sonnenuntergang, Thea im Sonnenschein, gemeinsame Selfies, der Antikhof von außen im Morgenlicht (das neue Titelbild der Homepage), einzelne Ausstellungsstücke, Thea mit Sylvester. Thea konzentriert beim Bemalen der Kreidetafel für den Hof zur Begrüßung der Kunden und Gäste. Thea lachend mit einem Stapel Kisten bepackt im Garten… „Klack!” verkündete der Wasserkocher seinen Erfolg. Aaron legte das Telefon auf den Tisch und goss das heiße Wasser in seine Thermosflasche. Den Kräutertee hatte er in einem Papierfilter wie immer aufs Gramm genau portioniert. Dafür benötigte er schon lange keine Waage mehr.
„Ist das noch die gleiche Flasche?“ Thea war in die Küche gekommen. Aaron schaute zu ihr auf. Sie hatte ihr schönstes Dirndl angezogen, ihre lockigen Haare dufteten nach dem vertrauten Aprikosenshampoo. „Die gleiche schon, ja, aber nicht dieselbe!“ Thea setzte sich an den Küchentisch. „Und der Tee?“ Aaron nickte. „Der auch, ja.“ In seiner Schulzeit hatte er fast immer seinen Tee in einer Thermosflasche dabeigehabt. Und auch danach noch eine Weile. In den letzten Jahren zwar immer seltener, doch heute, da war es wieder einmal so weit. Aaron stellte den Wasserkocher zurück, der Tee zog und verteilte allmählich seinen feinen Duft in der Küche. Für einen Moment schwiegen beide. Von außen drangen viele ungewohnte Geräusche zu ihnen durch das gekippte Küchenfenster. So geschäftig war es schon eine ganze Weile nicht mehr zugegangen auf dem Antikhof Pfundeisen. Der Imbisswagen war auf dem Hof vor dem Gebäude angekommen und wurde von zahlreichen Händen in Bereitschaft versetzt. Bald würden die ersten Gäste eintreffen.
„Ich weiß nicht, ob du das je mitbekommen hast“, sagte Aaron schließlich. „Aber es gab da eine Zeit, in der ich morgens plötzlich Angst bekam, in die Schule zu gehen. Es kam unerwartet, einfach so. Aber zum Glück kannte meine Mutter damals ein Rezept für einen geheimnisvollen Zaubertrank, der die Angst sofort löste und mich im Nebeneffekt unbesiegbar machte. Ich durfte da natürlich mit niemandem drüber reden, denn das Rezept war streng geheim. Das verstehst du ja sicher.“ Er grinste. „Und so wurde dieser Tee zu meinem Ritual und er wirkte auch dann noch gegen die Angst, als ich schon längst wusste, dass er nicht aus dem streng gehüteten Wissen einer alten Zivilisation, sondern aus dem Biomarkt stammte.“ Er schloss die Augen und sog konzentriert die Aromen der Kräuter in seine Nase. „Und heute kann ich ihn wirklich gut gebrauchen!“ Thea hatte interessiert gelauscht. „Das wusste ich wirklich nicht“, sagte sie schließlich nachdenklich. „Aber ich glaube, ich würde auch gerne eine Tasse von deinem Zaubertrank haben. Er scheint sehr mächtig zu sein!“
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Aaron hatte die ersten Gäste begrüßt. Es roch nach Bratwurst. Die Biertischgarnituren waren mit Tischdecken und kleinen Wiesenblumen in antiken Vasen geschmückt – und schon erstaunlich gut besetzt. Noch war es zu hell für die Fackeln, doch bald schon würden sie den frühsommerlichen Garten in ihr zauberhaftes Flackerlicht tauchen. Aaron schielte zu der kleinen Bühne hinüber, die er aus Paletten selbst zusammengezimmert hatte. Die kleine, altmodische Tonanlage war ebenfalls bereit. Das Keyboard war platziert, er hatte sich gegen das Klavier entschieden.
John Aubrey schlich ebenfalls durch den nun bereits dämmrigen Garten und schien ein wenig aufgeregt zu sein, denn er rieb sich immer wieder nervös die Hände. Thea jonglierte ein randvolles Tablett mit Getränken zu einer Gruppe japanischer Touristen. Aaron zückte sein Sturmfeuerzeug und machte sich daran, die Fackeln und Windlichter zu entzünden.
„Gratuliere, mein Junge!“ Andreas Pfundeisen schüttelte seinem Sohn die Hand. Dass er überhaupt gekommen war, erfüllte Aaron mit einem gewissen Stolz. Doch viel mehr noch freute er sich über den Ausdruck ehrlich empfundener Bewunderung seines Vaters beim Anblick des Familienerbes. Des Familienerbes, das er selbst nie hatte annehmen können. „Schön, dass du da bist!“ erwiderte Aaron. Für einen Moment standen sie sich unschlüssig gegenüber. Beide erkannten das Knattern sofort, als das rostige Wohnmobil sich draußen auf der Straße näherte. Andreas Pfundeisen blinzelte unsicher. Dann räusperte er sich: „Nun, ich denke, das wird ein schöner Abend. Ich werde mich mal umsehen!“ Damit entfernte er sich. Aaron musste grinsen und flüsterte leise: „Darauf kannst du dich verlassen!“
Aarons Mutter hatte einige Freundinnen mitgebracht, die in ihren bunten Kleidern beinahe durch den Garten zu schweben schienen. Einige ältere Herrschaften aus dem Dorf konnte Aaron ebenfalls unter den Gästen ausmachen. Ob der ein oder andere von ihnen mit seinem Großvater befreundet gewesen war? Zu wenig wusste er über das Privatleben seines Opas. Doch heute war nicht der richtige Zeitpunkt, darüber nachzudenken. In den legeren kurzen Hosen hätte er Rasmus Hasse von der Kreissparkasse beinahe nicht erkannt. Mit einem großen Bierkrug in der Hand prostete er Aaron aus der Ferne zu.
Die unzähligen Lichterketten erhellten nun die Wege und auch die Bühne. Aaron trat mit klopfendem Herzen ans Mikrofon. Er hatte sich einige Worte zurechtgelegt, doch was er schließlich in seiner Rede sagte, hatte nichts mehr damit zu tun. Er improvisierte und das war gut so. Die Gäste lauschten höflich und spendeten Applaus. Es war mucksmäuschenstill, als er schließlich die ersten Töne des Kanons D-Dur von Pachelbel auf dem Keyboard anstimmte. Die letzten Töne verklangen und nach einem kurzen Moment der andächtigen Stille applaudierten die Zuschauer nun bereits begeistert. Die Begeisterung steigerte sich noch einmal deutlich bei der großen Schlussnummer, die Aaron heimlich mit John einstudiert hatte. Eine Zaubershow, bei der Aaron in der Hand eines Zuschauers verborgende Gegenstände erraten konnte, ohne sie zu Gesicht bekommen zu haben. Natürlich mit Johns Hilfe, der ihm die Informationen heimlich zuflüsterte. Und zum großen Finale der Show notierte ein junger Mann aus dem Publikum eine zufällige, mehrstellige Zahl auf einem Papier, die eine weitere Zuschauerin ohne heimliche Absprache erstaunlicherweise fehlerfrei aufsagen konnte. Darauf angesprochen würde sie später felsenfest überzeugt erzählen, dass sie die Zahl laut und deutlich als geheimnisvolle Stimme in ihrem Kopf gehört hatte. Dem Antikhof Pfundeisen musste wohl ein ganz besonderer Zauber innewohnen, da war sie sich sicher!
„Eine fantastische Show!” Seine Mutter umarmte ihn fröhlich. „Das habt ihr gut gemacht. Ihr zwei!” Aaron hielt inne. Doch seine Mutter zwinkerte ihm nur verschwörerisch zu. Dann begann sie zu tanzen, denn einer der alten Herren des Dorfes hatte sich kurzerhand ans Keyboard gesetzt und ließ nun seine Finger geübt über die Tasten fliegen. Die wenigen falschen Töne störten die Gäste nicht. Der Wirt musste zu später Stunde noch einmal ins Gasthaus fahren und Nachschub an Getränken und Würstchen holen. Der Umsatz des Abends zauberte auch ihm ein Lächeln auf sein hochrotes Gesicht.
Irgendwann wurde das Stimmengewirr leiser. Aus einer großen Masse Menschen wurden vereinzelte Grüppchen, die den Abend ausklingen ließen. Die Musik war schon eine ganze Weile verstummt, dafür war das ein oder andere Gähnen zu vernehmen. Und dann schließlich war das Fest vorbei. Für einen Moment noch stand Aaron im Garten und schaute sich um. Dann löschte er die Fackeln und blies die Kerzen aus. Mit einem letzten Blick zurück legte er den Schalter der Sicherung für die Außenbeleuchtung um und die Nacht senkte sich über den Antikhof Pfundeisen. Eine weitere Aufgabe wartete nun noch auf Aaron. Und allein der Gedanke daran ließ seine Nervosität mit einem Schlag zurückkehren.
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„Wow!“ Thea hatte gerade das versteckte Arbeitszimmer zum ersten Mal in ihrem Leben betreten. Es war spät in der Nacht, doch an Schlaf war nicht zu denken. Thea sah sich aufmerksam um, betrachtete die Möbelstücke, die Bücherregale, die Papiere und seltsamen Gegenstände auf dem Schreibtisch. „So stelle ich mir das Büro eines Zauberers vor!“ Aaron hatte sich wie immer hinter den Schreibtisch gesetzt. Den ganzen Abend über hatte er auf diesen Moment gewartet, doch nun, da er gekommen war, überkamen ihn Zweifel. Er zog dennoch entschlossen die Schreibtischschublade auf. „Setz dich!“ sagte er zu Thea. Einen der Ohrensessel hatte er näher an den Schreibtisch herangerückt, so dass sie ihm direkt gegenübersitzen konnte. John Aubrey stand unbemerkt und lautlos neben Aaron. Auch er knetete sich wieder nervös die Hände.
Thea schien die angespannte Stimmung zu bemerken. „Ist etwas nicht in Ordnung?“ fragte sie unsicher. Aaron zwang sich zu einem Lächeln. „Nein, ganz und gar nicht. Es ist… so viel in Ordnung, wie lange nicht mehr!“ Erst als er diesen Satz sprach, bemerkte Aaron, wie sehr diese Aussage doch zutraf. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne!“ flüsterte er. „Oh, Hermann Hesse, das mag ich“, meinte Thea. „Interessant übrigens, denn diese Zeile kennt fast jeder, doch was davor und danach kommt, das kennen die wenigsten. Ich mag ja auch Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Wobei entraffen nicht gerade gut klingt, findest du auch?“ Sie lachte kurz auf. War sie plötzlich ebenfalls aufgeregt?
Aaron musste das jetzt hinter sich bringen. Er griff in die Schublade und holte ein kleines Schmuckkästchen und einen Briefumschlag hervor. Er reichte beides einer staunenden Thea hinüber. „Zuerst den Brief bitte“, sagte Aaron leise. Thea zögerte. Dann öffnete sie mit gerunzelter Stirn den Umschlag. Sie entnahm ihm ein gefaltetes DINA4-Blatt, das auf beiden Seiten mit handgeschriebenen Zeilen vollgepackt war und begann zu lesen. Nach einiger Zeit hob sie den Kopf und schaute Aaron fragend in die Augen. Er lächelte und nickte ihr auffordernd zu. Thea griff nach dem Schmuckkästchen und öffnete es.
Sie betrachtete mit staunendem Blick den zarten, goldenen Ring, der sich darin befand. Er trug einen einzelnen Schmuckstein. Einen Schmuckstein, den sie so noch nie gesehen hatte. Er war von einer dunklen, kräftigen lila Farbe – und er schien zu leben. In seinem Innern zogen tausende Sterne ihre Bahnen. Sie zögerte, dann las sie weiter. Als sie am Ende der Zeilen angelangt war, blickte sie wieder wortlos zu Aaron hinüber. Sie legte den Brief schließlich auf den Tisch und griff erneut nach dem Ringkästchen. Dieses Mal nahm sie den Ring heraus und hielt ihn für einen Moment in der Hand, betrachtete ihn noch einmal genau. John Aubrey legte die Hände vor seinen Mund und hielt den Atem an. Thea schloss die Augen, atmete hörbar aus und steckte den Ring mit zitternden Händen an ihren Finger. Er passte erstaunlich gut.
Noch einmal atmete sie tief durch. Dann öffnete sie die Augen.
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Okay, an dieser Stelle endet die erste Erzählung rund um Aaron Pfundeisen... Wobei - eine Kleinigkeit hätte ich noch im Angebot: <<EPILOG>>
