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ALTE GESCHICHTEN Kapitel 8

Licht & Schatten

Um dieses Kapitel zu verstehen, sollte man sich unbedingt die vorangegangenen Teile meines Fortsetzungsromans „Alte Geschichten“ zu Gemüte führen. Alle Teile sind unter diesem Link zu finden.

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Aaron spielte noch einige weitere Takte. Dann verlangsamte er das Tempo und schlug die Tasten nur noch mit halber Kraft an. Die Musik wurde leiser, aus der Melodie wurden einzelne Noten und aus den letzten Tönen wurde schließlich ein leiser Nachhall, der sich in den Weiten des Kellers in den entlegensten Winkeln verlor und nichts als Stille zurückließ. Aaron wagte kaum, zu atmen. Er drehte sich nicht um, sondern hielt den Blick auf die Tasten des Klaviers geheftet und wartete ab. John Aubrey hatte sich in eine dunkle Ecke zurückgezogen und war nicht mehr zu sehen.

„Sie spielen gut!“ sagte schließlich eine leise Stimme hinter Aaron. Sie klang unsicher.

„Danke!“ erwiderte Aaron und hob den Kopf. Dann drehte er sich betont langsam auf seinem Hocker herum. Im dämmrigen Schein des flackernden Kerzenlichts stand ihm ein Junge gegenüber, der ihn ängstlich ansah. Der Geruch von verkohltem Holz war nun sehr deutlich wahrzunehmen. „Ich habe dich in der letzten Zeit immer wieder spielen hören und wollte es einfach auch mal probieren.“

Der Junge riss erschrocken die Augen auf und hob die Arme abwehrend in die Höhe: „Sagen Sie‘s bitte keinem, ich muss doch im Schrank bleiben, bis sie mich wieder rauslassen!“ Aaron warf einen schnellen Seitenblick auf den großen, verhangenen Massivholzschrank, von dem nur die Sockelleiste zu sehen war. Die Sockelleiste, die eindeutig mit den Spuren eines Feuers gezeichnet war. „Aber sie haben dich so lange nicht rausgelassen, dass es dir irgendwann langweilig wurde, stimmt’s?“

Der Junge nickte. Aaron hatte eine grobe Idee, was hier passiert sein konnte. „Was hast du denn angestellt?“ Er lächelte dem Jungen aufmunternd zu. „Ich bin ohne Erlaubnis ins Musikzimmer gegangen. Zum Klavier spielen.“ Dann zögerte er. „In der Nacht.“ Aaron zog eine Augenbraue hoch. „Und habe den Direktor geweckt.“ Der Junge zuckte mit den Schultern und grinste ein wenig.

Aaron stand langsam auf. Der Junge wich merklich einige Zentmeter zurück. Aaron nickte ihm freundlich zu: „Ich bin Aaron. Wie heißt du denn?“ Der Junge schien zu überlegen. „Wissen Sie denn nicht, wer ich bin? Sind Sie kein Erzieher?“ Aaron musste reflexartig lachen. „Nein, ich bin ganz bestimmt kein Erzieher. Ich glaube nicht, dass ich irgendeinem Kind etwas Sinnvolles beibringen könnte. Außer Surfen und ein paar Akkorde auf der Gitarre vielleicht…“ Das schien dem Jungen wiederum zu gefallen. „Ich bin Matthias.“ Er hielt kurz inne. Dann schaute er zur Seite in die Dunkelheit und fragte: „Und wer ist er?“

Aus der Dunkelheit löste sich ein Schatten, der sich als John Aubrey entpuppte. Dieser deutete eine Verbeugung an und sagte zögerlich: „Mein Name ist Aubrey, John Aubrey. Ich war Autor und Journalist bevor ich zum… also, nun… bevor ich hier zu einer Art… Hausmeister wurde?“ Er schaute fragend zu Aaron hinüber. Matthias wirkte dagegen skeptisch: „Sie sind Hausmeister in unserem Heim? Ich kenne Sie gar nicht!“

Aaron erinnerte sich, was John ihm über die suchenden Seelen erzählt hatte: „Manche von ihnen wissen gar nicht, dass sie gestorben sind…“ Könnten sie es hier mit einem solchen Fall zu tun haben? Wenn dem so wäre hieß das wohl, besonders behutsam vorzugehen. Was auch immer das in dieser Situation bedeuten mochte.

„Was ist denn in der Nacht dann noch passiert, nachdem sie dich erwischt hatten?“ fragte Aaron so unverfänglich wie möglich. Matthias schien sich nur widerwillig an den Moment zurückzuerinnern, in welchem man ihn in einen Schrank gesperrt hatte, den er wohl nicht mehr lebendig verlassen hatte. „Der alte Huber hat mir eine Standpauke gehalten und wollte mir eine Lektion erteilen und hat mich in den Schrank gesperrt. Frau Müller hätte das bestimmt nicht gefallen, aber die wohnt ja nicht hier.“ Aaron schaute ihn aufmunternd an, als er fragte: „Frau Müller?“ „Na, die alte Dame, die hier ehrenamtlich als Musiklehrerin arbeitet. Sie hat mir doch das Klavierspielen beigebracht.“ Aaron versuchte, sich aus diesen Informationen ein Bild zu formen. „Und Frau Müller, die war, also die ist nett, oder?“ Matthias lächelte. „Ja, klar, deshalb macht mir das Klavierspielen doch auch Spaß. Sie meckert wenigstens nicht immer wegen jeder Kleinigkeit. Ich hoffe, sie wird mir noch mehr beibringen, wenn ich wieder am Musikunterricht teilnehmen darf. Können Sie vielleicht ein gutes Wort für mich einlegen?“

Er schaute Aaron bittend an. Aaron rutschte sprichwörtlich das Herz in die Hose und er war erst einmal ziemlich ratlos. Er blickte nun seinerseits fragend und hilfesuchend zu John hinüber. In Sachen Korrespondenz mit verirrten Seelen musste dieser doch wohl die größere Expertise zu bieten haben. John räusperte sich nach kurzem Nachdenken.

„Nun, Matthias, das lässt sich natürlich einrichten. Doch wir müssen uns ein umfassendes Bild der Gesamtsituation machen, um eurem Gesuch nach Hilfe nachkommen zu können. Daher würde ich euch darum bitten, die Ereignisse jener Nacht noch ein wenig weiter zu rekapitulieren. Als man euch in den Schrank gesperrt hatte – ist danach noch etwas weiteres geschehen? Etwas außergewöhnliches vielleicht?“

Matthias überlegte. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Nein, ich glaube nicht. Ich bin wohl eingeschlafen, ich war ja auch müde. Ich hab geträumt, ich würde Rauch riechen und die Glocken hätten geläutet und dann sind viele Leute schreiend durch das Treppenhaus gerannt. Ich habe sie trampeln hören in meinem Traum. Es war doch in meinem Traum, oder? Und dann wurde der Rauchgeruch stärker. An mehr kann ich mich nicht erinnern und als ich aufgewacht bin, war es ganz ruhig. So lange. Es war dann lange ruhig. Wie lange war es wohl ruhig?“ Er starrte ins Leere. Dann schaute er Aaron direkt in die Augen und flüsterte: „Warum haben sie mich nicht rausgelassen?“

Aaron hatte eine Gänsehaut am ganzen Körper. Auch John Aubrey schien einen Kloß in seinem Geisterhals zu haben, denn er musste sich abermals räuspern, bevor er sagte: „Mein Herr Matthias, das ist eine berechtigte Frage, doch sie ist gleichermaßen einfach zu beantworten durch uns wie auch schwer zu begreifen für euch. Lasst es mich mal von einer anderen Seite her erklären und mit einer Frage antworten: Warum könnt ihr euch wohl in der Nacht problemlos aus dem Schrank stehlen, wo er doch abgeschlossen ist?“

Matthias stutzte und sah John Aubrey erstaunt an. „Ich habe darüber noch nicht nachgedacht. Ich bin einfach rausgegangen und danach wieder hinein.“ Er zuckte mit den Schultern. John Aubrey lächelte. „Und könnt ihr ein bisschen genauer beschreiben, wie ihr aus dem Schrank herausgetreten seid?“ Matthias dachte lange nach. „Ich bin einfach einen Schritt nach vorne gegangen. Und dann war ich vor dem Schrank. Hmm…“ John Aubrey nickte erfreut. „Es dämmert euch bereits, nicht wahr? Seit wann könnt ihr durch eine massive Holztür treten, mitten hindurch?“ Matthias runzelte die Stirn. „Es kommt mir schon so lange vor. Dabei war es doch gerade erst. Oder ist es schon lange her? Wie lange ist es her?“ Er schaute verwirrt von John zu Aaron und wieder zurück. Aaron gab sich einen Ruck und sagte so sanft wie möglich: „Es ist schon über 30 Jahre her, dass du… gestorben bist.“ Matthias schien lediglich verwundert, jedoch in keinster Weise erschrocken zu sein. „Dann wundert es mich nicht, dass mir langweilig wurde. Wieso haben sie mich so lange in dem Schrank gelassen?“

Aaron trat noch etwas näher an Matthias heran. Wie klein er doch war und wie schwach er in seiner durchscheinenden Form aussah. Oder war seine Erscheinung blasser geworden? Aaron ging in die Hocke, um Matthias ins Gesicht sehen zu können. „Matthias, ich muss dir etwas sagen. Frau Müller und Herr Huber sind nicht mehr da. Der Schrank gehört jetzt mir. Meinst du, es ist liegt damit in meiner Macht, dir die Strafe zu erlassen? Wo du doch in einem Schrank sein musst, der mir gehört?“ Matthias überlegte offenbar, ob er dieser Logik folgen konnte. Dann stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht und er nickte eifrig. „Ich glaube schon, da kann der Huber ja nichts dagegen haben, oder?“ Aaron setze ein strahlendes Lächeln auf. „Nein, das kann ich mir auch nicht vorstellen. Ich glaube nicht, dass er noch böse auf dich ist. Und um ehrlich zu sein, hatte er auch nie einen Grund, böse auf dich zu sein. Ich glaube, er war einfach so böse. Wahrscheinlich auf alles und jeden, auch auf sich selbst. Ein böser Mensch. Punkt. Lass ihn uns einfach vergessen. Okay?“ Matthias nickte erfreut. Aaron atmete tief durch. „Matthias, da das hier mein Schrank ist, in dem du eingesperrt wurdest und du dir geschworen hast, erst wieder rauszukommen, wenn man es dir erlaubt, kann ich dich von dieser Schuld erlösen.“ Er schielte zu John hinüber. Dieser nickte zustimmend.

„Matthias, es ist Zeit, frei zu sein. Du darfst gehen. Und ich kann es dir nicht mit Gewissheit sagen, aber wahrscheinlich wartet Frau Müller auf dich, um endlich wieder mit dir Klavier zu spielen. Sie wird sich freuen, dich zu sehen!“ Matthias blasse Gestalt wurde noch schwächer, war kaum noch zu erkennen. Dafür begann um ihn herum ein körperloses Licht zu leuchten, das immer heller wurde. So hell, dass es Aaron schon bald blendete. Die Helligkeit schien sich um die transparente Gestalt des Jungen zu legen, wie eine wärmende Decke. Aaron erkannte nur noch schwach, wie Matthias die Hand hob und ihm zuwinkte. Er hörte sein Flüstern in der Luft: „Danke. Ich geh dann jetzt, ja? Auf Wiedersehen!“ Nun war von der Gestalt des Jungen nichts mehr zu sehen, da war nur noch Licht, das immer heller und heller wurde. Aaron musste die Augen schließen und seinen Arm zusätzlich schützend vor das Gesicht halten. In diesem Moment schien das Licht seinen hellsten Zustand erreicht zu haben, denn es verharrte für einen kurzen Atemzug. Und im nächsten Moment war es lautlos und wie von einem sanften Windhauch begleitet verschwunden.

Im Keller war es wieder stockdunkel. Aaron öffnete die Augen, doch das machte nicht den geringsten Unterschied. Er sah nichts, nur undurchdringliche Schwärze lag vor seinen Augen. Nur langsam, ganz langsam verschwand diese Wand aus Dunkelheit und er konnte schemenhaft Formen erkennen. Die Kerze brannte noch, doch ihr Schein war wohl zu schwach, um die vom gleißenden Licht geblendeten Augen bereits klar sehen zu lassen. „John?“ fragte er mit zitternder Stimme. „Ich bin hier, mein Herr Pfundeisen“, hörte er die leise Antwort ganz nah an seiner Seite. „Beim ersten Mal ist es ziemlich beeindruckend, nicht wahr?“ Aaron nickte. Seine Augen begannen, sich zu erholen. Und Aaron hatte Fragen. Viele Fragen. Sie schwirrten durch seinen Kopf, doch es waren zu viele, als dass er sie hätte einzeln greifen können.

John ergriff wieder das Wort: „Es ist doch beruhigend, dass es im Licht endet auf der anderen Seite, oder nicht? Und habt ihr gespürt, welche Ruhe dieses Licht auszustrahlen vermochte? Konntet ihr auch die Sehnsucht spüren, die es in euch auslöst?“ Als Aaron nicht antwortete, setze er hinzu: „Wahrscheinlich nicht. Es wirkt nur auf mich wie eine lang ersehnte Erlösung. Auf mich, der ich in der Zwischenwelt feststecke, bis ich meine Bestimmung erfüllt habe, was mir in all den Jahrhunderten nicht gelungen ist. Tragisch, nicht wahr? Man könnte meinen, diese Tatsache würde mich verzweifeln und meinen Verstand verrückt werden lassen. Ein Wunder, dass ich noch so klaren Geistes und gleichsam ein so amüsanter und liebenswerter Zeitgenosse bin, nicht wahr?“

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Aaron hatte es nicht mehr allzu lange im Keller ausgehalten, sehr zur Erleichterung John Aubreys. Doch er musste sich ein wenig erholen, konnte nicht in irgendeine Form des Alltags zurückkehren und so tun, als sei nichts geschehen. Dafür war an den letzten Tagen deutlich zu viel Außergewöhnliches passiert. Und so hatte er endlich wieder einmal im alten Arbeitszimmer hinter der versteckten Tür auf dem Schreibtischstuhl Platz genommen. Auf dem Platz, an dem seine Reise in die Welt der suchenden Seelen und des verborgenen Teils des Antikhofs Pfundeisen vor gerade mal einer Woche ihren Anfang genommen hatte. John Aubrey hatte es sich ebenfalls wieder in einem der Ohrensessel gemütlich gemacht, wenn Seelen überhaupt so etwas wie Gemütlichkeit verspüren konnten. Es machte jedenfalls den Eindruck.

Eine ganze Weile hingen die beiden Männer ihren Gedanken nach. Aaron konnte sich nur schwer von den beeindruckenden Bildern der beiden Heimkehrer in seinem Kopf lösen, war fasziniert von deren Gemeinsamkeiten und gleichzeitig von deren Unterschieden. Ein Herr von Eschenberg war in einer Gewitternacht in der Schwärze des Spiegels verschwunden, den Aaron dann mit Getöse zum Bersten gebracht hatte. Und der kleine Junge Matthias, ein unschuldiges Opfer barbarischer Traditionen, war in aller Stille von einem friedlichen Licht in die Ewigkeit begleitet worden. Was würde noch alles in diesem Antikhof geschehen? Was war in den vergangenen Jahren wohl bereits alles geschehen, wenn das die Ausbeute einer Woche war?

„Lass mich mal kurz rekapitulieren, ob ich alles richtig verstanden habe“, sagte Aaron schließlich leise. John Aubrey hob seinen Kopf und nickte ihm interessiert zu. „Matthias‘ Seele konnte sich nicht von der diesseitigen Welt lösen, konnte den Schrank nicht verlassen, weil man es ihm zu Lebzeiten verboten hatte und er fürchterliche Angst vor dem Direktor hatte. Und weil er seinen eigenen Tod nicht begreifen konnte. Wir konnten ihn heute von seinem Versprechen befreien und dann kam das Licht. Woher auch immer. Das war in gewisser Weise sehr schön. Und in gewisser Weise eine extrem grausame Geschichte, bei der ich noch nicht sicher bin, wie wir weiter vorgehen sollen. Denn strafrechtlich relevant scheint hier wohl einiges zu sein. Angeblich gab es ja keine Todesfälle damals beim Brand im Waisenhaus, richtig?“ John Aubrey bestätigte dies mit einem nachdenklichen Nicken: „So sagte man es uns und so stand es auch in der Presse.“ Aaron legte die Stirn in Falten. „Dann haben sie es wohl geschafft, die Sache zu verschleiern, um kein Aufsehen zu erregen. Es würde mich interessieren, was mit seinem Leichnam geschehen ist.“

Mit einem Mal sah Aaron mit weit geöffneten Augen auf. „Oder meinst du, dass die Leiche, dass Matthias, dass da noch… etwas… also in dem Schrank unten ist? Ihr habt ja die Tür nie aufschließen können, richtig?“ Er hielt den Atem an. Doch John Aubrey hob beschwichtigend die Hände. „Ihr könnt davon ausgehen, dass dies nicht der Fall ist. Wir haben die Möbel nicht direkt nach dem Brand erworben, es lag eine ganze Weile dazwischen, es musste ja viel geregelt werden. Ich gehe davon aus, dass man Matthias sehr wohl gefunden und aus dem Schrank befreit hat. Zu spät, wie wir nun wissen. Aber rechtzeitig genug, um diesen Fund vor Polizei und Presse geheim zu halten. Ob er eine Beerdigung erhielt und man es nur der Öffentlichkeit gegenüber verschwieg oder ob man ihn klammheimlich hat „verschwinden“ lassen – das müssten wir wohl recherchieren. Wenn wir es uns überhaupt zur Aufgabe machen wollen. Denn man lernt in diesem Metier des Übersinnlichen auch, Dinge ruhen zu lassen. Seht es mal so: Alle Verantwortlichen werden bereits ebenfalls verstorben sein und Matthias‘ Seele hat seine Heimreise angetreten. Wozu also noch in der Vergangenheit bohren?“

Aaron dachte nach. „Naja, Moral, Gerechtigkeit und so… Aber viel mehr ist doch die Frage: Wieso konnten die Leute im Heim den Schrank öffnen, die Leiche bergen, den Schrank verkaufen – und dann ging hier die Tür plötzlich nicht mehr auf?“ John Aubrey lachte und bedachte Aaron mit einem Blick, als wäre dies eine besonders dumme und naive Frage. „Aber mein Herr Pfundeisen. Die Seele wird nicht fünf Minuten nach seinem Tod in der Lage gewesen sein, eine solche Magie zu beschwören. Sie wird sich wohl erst Tage, vielleicht gar Wochen orientiert haben und ganz unbewusst dafür gesorgt haben, dass sich über die Zeit hinweg eine Art Schutz manifestiert hat. Das Schloss selbst hat ja tadellos funktioniert, wir konnten die Tür nur dennoch nicht öffnen. Wir kauften den Schrank nun mal erst längere Zeit nach dem Brand, da kann sowas schonmal passieren!“ Er machte eine Handbewegung, die ausdrücken sollte: „Das ist doch sonnenklar.“

Aaron seufzte und ließ es dabei bewenden. Die Geistergesetze schienen ihm noch ein wenig willkürlich zu sein, doch wer war er, darüber zu urteilen. Vielleicht hatte John recht: Die Dinge ruhen lassen… „Ich habe noch eine andere Frage, John. Warum die Seele von Matthias hier festhing, das leuchtet mir einigermaßen ein. Aber was ist mit dir?“ Er sah John in die Augen. Dieser senkte seinen Blick und murmelte: „Wie meint ihr das?“ Aaron überlegte. „Naja, du weißt, dass du tot bist, du würdest gerne in die Ewigkeit mit dem ganzen Lichtbrimborium und so, aber stattdessen hängst du hier mit mir ab. Was ist deine Bestimmung, die du noch nicht erfüllt hast?“ John Aubrey rutschte unbehaglich auf seinem Sessel herum. „Nun, mein Herr Pfundeisen, wie ihr wisst, trage ich einen Teil des Steins bei mir, der die Verbindung zwischen den Welten aufrechterhält und mich gewissermaßen an einem Fortgang hindert!“ Aaron schüttelte den Kopf und sagte ernst: „John. Das ist nicht der Grund! Denn dann könntest du den Stein einfach weglegen, wenn du doch eigentlich so gern ins Licht gehen würdest.“ John Aubrey schwieg betreten.

„Du hast vorhin im Keller selbst gesagt, dass du eine Bestimmung zu erfüllen hast. Also musst du auch wissen, welche es ist!“ John Aubrey zuckte mit seinen Schultern und meinte: „Ja, das kann wohl sein.“ Aaron musste schon wieder lächeln, angesichts seines nun leicht trotzig wirkenden Gegenübers. John Aubrey war schon ein merkwürdiger Kerl, doch er hatte ihn ganz schön in sein Herz geschlossen. „John, es muss dir nicht peinlich sein. Komm schon. Was hast du zu tun? Was ist deine Aufgabe?“ John Aubrey atmete durch und antwortete kapitulierend: „Na schön. Wisst ihr, natürlich weiß man als wandelnde Seele nicht wirklich auf Anhieb, was einen an einem Fortgang in die Ewigkeit hindert. Es ist nicht so, als ob man einen schriftlichen Auftrag bekommen würde von der streng geheimen Geisterbehörde. Aber meist hat es etwas mit dem universellen Gleichgewicht zu tun. Mit Licht und Schatten. Sie müssen in kosmischen Dimensionen gedacht immer ausgewogen sein. Böses auf der Welt wird durch Gutes ausgeglichen. Um es so simpel wie möglich auszudrücken.” Er seufzte. „Und vielleicht habe ich zu meinen Lebzeiten etwas zu viel geflunkert. Betrogen. Verleumdet. Verlassen. Geprellt, gestohlen, erstunken und erlogen.“ Er streckte beinahe stolz seine Brust heraus.

„Ich vermute, mein plötzlicher und unerwarteter Tod hat nicht automatisch ein Tor geöffnet und so verblieb ich als Seele zurück und nun muss ich mit uneigennützig guten Taten, mit dem Erlösen anderer verwirrter Seelen beispielsweise, etwas davon wieder gut machen. Doch wann das genug sein wird, lässt sich wahrlich nur schwer vorhersehen.” Er sackte in seinem Sessel zusammen. „Zumal ich nicht einmal weiß, ob ich wirklich bereit bin, mich von dieser Existenz zu lösen. Es gab schon wesentlich schlechtere Gesamtsituationen, auch zu meinen Lebzeiten. Ich habe doch hier im Antikhof Pfundeisen ein gutes Zuhause gefunden. Vielleicht ist es nicht für alle Ewigkeit das richtige. Doch ich habe nicht das Gefühl, schon alle Geschichten gehört zu haben, denen es zu lauschen gilt. Ich war und bin nun mal Geschichtensammler. Ich war es im Leben und ich bin es im Tod. Ich habe nur das Genre gewechselt. Von Klatsch und Tratsch bin ich nun der Wahrheit, der Rätsel Lösungen verpflichtet. Dem Erklären des Unerklärlichen. Und außerdem wärt ihr wohl auch ziemlich aufgeschmissen ohne mich, habe ich Recht?“

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„Das sind beeindruckend viele Scheine!“ John Aubrey nickte anerkennend, als Aaron am nächsten Vormittag ein Bündel Geldscheine auf den Tresen knallte. Es war ein weiteres Mal sehr schnell gegangen, als hätte jemand die „Vorspulen“-Taste an einem alten Videorekorder gedrückt und hätte die Ereignisse ratternd rasend vorangetrieben: Am Morgen hatte Aaron eine Nachricht auf der Mailbox abgehört, in der sich ein Autoliebhaber nach Eschenbergs Limousine erkundigt hatte. Und da dieser Interessent am Vormittag ganz in der Nähe unterwegs sein wollte, hatte Aaron ihm kurzerhand eine Uhrzeit durchgegeben, man hatte sich getroffen und war sich ohne große Verhandlung einig geworden.

„Und das ist nur die Anzahlung. Den Rest hat er auf mein Privatkonto überwiesen. Rasmus Hasse würde sonst ganz schön Augen machen, wenn er heimlich den Kontostand vom Antikhof überprüft. Ich gehe nämlich davon aus, dass er das regelmäßig tut!“ Aaron zwinkerte John gut gelaunt zu. „Außerdem will unser neuer Kunde mit etwas mehr Zeit im Gepäck bald mal wieder kommen und durch unsere große Verkaufsfläche schlendern. Im besten Fall erzählt er noch ein paar weiteren Menschen in seinem sicherlich gut betuchten Umfeld davon. Genauso wollen wir das haben! Jaha!“ Aaron fühlte sich hervorragend. Ein Signalton verkündete den Eingang einer neuen Nachricht auf seinem Smartphone. „Thea. Sie kommt später vorbei wegen den Vorbereitungen für unser Gartenfest. Vielleicht sollten wir schonmal ein bisschen vorlegen?“

Die Frühjahrssonne tat unglaublich gut. Die Sträucher und Bäume auf dem großen Grundstück blühten bereits in verschiedenen Stadien und ebenso vielen Farben und schienen mehr als bereit zu sein für den Sommer. Aaron stand für einen Moment mit geschlossenen Augen da, hielt sein Gesicht in die Sonne und atmete tief ein. Dann schüttelte er sich, rieb die Handflächen aneinander und meinte: „Dann wollen wir mal!“ Und so waren sie gerade mit vollem Eifer dabei, die Biertischgarnituren aus dem Gartenschuppen zu wuchten – also genau genommen wuchtete Aaron und John Aubrey stand ihm mit guten Ratschlägen und vor allem moralisch zur Seite – als Thea wie immer strahlend und voller Energie auftauchte.

Sie schleuderte ihre Umhängetasche auf den hölzernen Gartentisch und begrüßte Aaron mit einem fröhlichen „Naaaa?!“, drückte ihn kurz und stemmte dann in ihrer unnachahmlichen Art die Hände in die Hüften. Sie betrachtete die Tische und Bänke skeptisch und zog eine Augenbraue hoch. „Ich hatte sie nicht so schäbig in Erinnerung… Aber ich bin auch erst abends gekommen – Beleuchtung macht ja einen so großen Unterschied! Wir brauchen unbedingt Fackeln und Kerzen!“ Sie seufzte. „Ich denke, wir sollten sie mit Seifenwasser abreiben und dann Tischdecken oder sowas besorgen?“ Aaron zuckte mit den Schultern. „Klar, klingt nach einem Plan! Schön, dich zu sehen!“ Er schaute Thea in die Augen. Seit vorgestern Abend hatten sie sich nicht mehr gesehen. Seit ihrem Besuch in der Strandbar, der sich für Aaron so ein klein wenig anders angefühlt hatte, als alle Begegnungen mit Thea zuvor. Ob Thea auch nur im Ansatz ähnliches gespürt hatte? Wenn ja, ließ sie sich nichts anmerken. Das verunsicherte Aaron mehr, als er sich eingestehen wollte.

Er gab sich einen Ruck und nickte Richtung Gartentisch: „Da sind Papiere aus deiner Tasche gefallen!“ Thea drehte sich um, ließ ein erschrockenes „Oh“ verlauten und eilte hinüber. Sie sammelte die Papiere ein und vereinte sie mit einem großen Stapel identischer Exemplare, die sie offensichtlich in der Tasche transportiert hatte. „Die Flyer für unser Sommerfest! Ich hab sie kostenlos bekommen, dafür steht die Werbung vom Copyshop mit drauf. Ein paar Plakate hab ich auch drucken lassen. Ich nehm nachher alles mit in den Gasthof und bring das Zeug unter die Leute. Und du solltest hier natürlich auch ein bisschen plakatieren!“

Sie verbrachten den Nachmittag damit, die Biertischgarnituren zu säubern und einige weitere Materialien auf Zustand und Tauglichkeit zu prüfen. In einer Kiste tauchten auch tatsächlich Tischdecken auf, die in einem gar nicht mal so üblen Zustand zu sein schienen. Und etwas anderes geschah ebenfalls: An diesem Nachmittag musste Aaron sage und schreibe zweimal in den Laden eilen, weil sich Laufkundschaft einfand. Touristen, die hauptsächlich neugierig waren, aber zumindest alibimäßig jeweils eine Kleinigkeit erwarben. War das etwa der Anfang der Wiederauferstehung des Antikhofs Pfundeisen als ernst zu nehmendes Einzelhandelsgeschäft? Zumindest machten sich die neuen Kunden glücklich und mit besten Eindrücken – und natürlich gut versorgt mit Werbeflyern für das Gartenfest – wieder auf den Weg. Aaron war zufrieden.

Später am Nachmittag fertigten Thea und er dann eine Liste an mit Dingen, die einsatzbereit waren, Dingen, die man noch aufhübschen musste und ein paar Kleinigkeiten, die man noch besorgen und erledigen musste. Und in drei Wochen würde dann bereits das Frühsommer-Garten-Pfingstfest stattfinden. Aaron konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Plan aufgehen würde, doch mit Thea an seiner Seite fühlte sich das alles trotzdem irgendwie machbar an. Er musste lächeln.

„An was denkst du?“ Thea hatte ihn offenbar dabei beobachtet, wie er mit leerem Blick im Garten stand und grinste, als sie gerade eine weitere Kiste aus dem Schuppen brachte. Aaron fühlte sich ertappt, konnte sich aber endlich wieder auf seine Schlagfertigkeit verlassen: „Ach, die kennst du nicht…“ Thea sog betont empört die Luft ein und machte ein schockiertes Gesicht, musste aber ziemlich gleich danach lachen. „Du und die Frauen, Aaron… Das ist ein Thema für sich. Wie… sieht es denn da aus bei dir?“ Die Frage kam unerwartet und die Lässigkeit, mit der Thea sie stellte, ließ wieder keinerlei Schlüsse darüber zu, wie es um Theas Gefühle ihm gegenüber bestellt war. Verflixte Sache, dachte Aaron bei sich. Und amüsierte sich ein wenig über das lustige Wort, das man seiner Meinung nach viel öfter im Alltag verwenden sollte. Verflixt. „Weißt du, ich habe doch momentan gar keine Zeit für eine Beziehung.“

Mit dieser vagen Antwort musste Thea sich begnügen. Sie dachte kurz nach und meinte dann: „Apropos keine Zeit: Ich muss gleich los. Kommst du für heute allein zurecht?“ Aaron breitete die Arme aus und tönte mit gespielter Überheblichkeit: „Aber selbstverständlich, ist doch eine Kleinigkeit!“ Thea piekte ihren Zeigefinger in seine Brust und meinte: „Gut! Das hatte ich gehofft. Wo kann ich mir meine Hände waschen?“ Aaron schickte sie nach oben in die Wohnung ins Badezimmer – das erschien ihm angebracht. Die kleine Gästetoilette im Erdgeschoss war in keinem sehr repräsentativen Zustand, weshalb sie sich auch als Stichwort mit höchster Priorität auf der „Aufhübschen-Liste“ befand. Aaron selbst ging noch einmal eilig in den Schuppen zurück. Als er diesen wieder verließ, war Thea gerade dabei, den Inhalt ihrer Umhängetasche fein säuberlich auf dem Gartentisch auszubreiten und nervös vor sich hin zu fluchen.

„Kann ich dir helfen?“ fragte Aaron irritiert. Thea blickte auf: „Ich suche meinen Ring! Ich hab ihn zum Arbeiten abgezogen und in die Tasche geschmissen. Vielleicht keine so kluge Idee gewesen!“ Aaron trat näher heran und beteiligte sich an der Suche. „Der silberne Ring mit dem grünen Farbstein?“ fragte er. Thea sah ihn überrascht an: „Da hast du aber genau hingeschaut!“ Aaron grinste. „Den Ring haben wir zusammen auf dem Jahrmarkt gewonnen, im Sommer, nachdem ich meine Ausbildung geschmissen habe. Kurz bevor wir ich mich auf meine Reise begeben habe und wir uns zum zweiten Mal… verloren haben.“ Thea sah ihm wieder tief in die Augen und nickte. „Ja, ich weiß. Ich trage ihn seitdem fast immer.“ Sie senkte ihren Blick und suchte schweigend weiter. Aaron zuckte plötzlich zusammen, bückte sich unter den Tisch, wühlte im Gras darunter herum und brachte den vermissten Ring zum Vorschein. „Hier, nimm doch den so lange!“

Thea atmete lautstark aus und nahm den Ring erleichtert entgegen. Sie steckte ihn auf ihren Finger, betrachtete ihn noch einen Moment und gab sich dann ebenfalls einen Ruck. Sie sammelte ihre Habseligkeiten hektisch in die Umhängetasche, warf sich diese über die Schulter und seufzte: „So, ich muss. Wir sehen uns morgen? Ich hab morgen nicht viel vor und wir können da weiter machen, wo wir aufgehört haben!“ Sie blickte Aaron mit einem Grinsen an. Aarons Herz klopfte. Waren ihre Worte gerade Zufall oder Berechnung gewesen? Was war die richtige Reaktion darauf? Verdammt, warum musste er bei diesem Thema nur so unbeholfen sein. Er blickte zur Seite zu dem Sammelsurium an Festivitäts-Zubehör, das sich fast über die gesamte Rasenfläche verteilte und meinte: „Klar, gerne! Die Arbeit wird uns nicht so schnell ausgehen!“

Thea blickte ebenfalls zu all den Utensilien und nickte: „Das stimmt, da haben wir noch einiges zusammen vor, würd ich sagen!“ Sie lächelte, umarmte Aaron und machte sich auf den Weg ins Gebäude. Sie war schon fast durch die Terrassentür verschwunden, als Aaron ihr hinterherrief: „Wann hast du denn heute Feierabend?“ Sie blieb stehen, drehte sich um und sah ihn nachdenklich an. „So genau weiß man das ja nie. Aber ich denke, gegen 22:30 Uhr? Warum?“ Aaron sagte so selbstsicher wie möglich: „Weil ich dich abholen komme!“

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„Das Fräulein Thea, das ist euch schon recht wichtig, nicht wahr, mein Herr Pfundeisen?“ Aaron hatte sich spät in der Nacht noch einmal ins Arbeitszimmer zurückgezogen. Ein weiterer Abend mit Thea in der Strandbar inklusive unbeschwerten Gesprächen und diesem Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit lag hinter ihm. Und wieder hatte er sich das ein oder andere Mal in Theas Augen verloren. Und noch immer konnte er sich nicht entscheiden, wohin das alles führte. Er konnte sich für den Moment jedoch unmöglich ins Bett legen und schlafen, dafür war er viel zu aufgeregt. Seine Gefühle fuhren immer noch Achterbahn mit ihm und wer weiß, vielleicht war es kein Fehler, mit jemandem darüber zu sprechen. Ob nun der neugierige John Aubrey der richtige Ansprechpartner war, blieb abzuwarten. Zumindest hatte es John heute mit einer etwas dezenteren Fragestellung probiert, wobei sich Aaron sicher war, dass ihn eigentlich nur die etwaigen schmutzigen Details interessierten. Oder täuschte er sich doch in ihm? Lag dieses Mal echte Besorgnis und Anteilnahme in Johns Frage?

„Das könnte ich dich auch fragen, John. Du magst sie auch, oder?“ John Aubrey rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her. „Nun, das vermag ich nicht gänzlich abzustreiten. Sie bringt etwas in den Antikhof, das ihm in den letzten Jahren sehr gefehlt hat. Doch ich habe zuerst gefragt. Habt ihr euch verliebt?“ Eine konkrete Frage. Und Aaron hatte keine konkrete Antwort darauf parat. „Ich weiß es nicht, John. Ich kenne Thea schon ewig. Wir waren immer Freunde. Es gab nie romantische Gefühle zwischen uns. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.“ Er seufzte. „Und ich habe Angst, unsere Freundschaft zu gefährden. Stell dir vor, sie fühlt weiterhin nicht mehr als das – Freundschaft. Dann, dann kann das doch nicht mehr funktionieren, oder? Und ich bin mir ja selbst nicht so sicher. Ich bin vielleicht nur – verwirrt. Weil alles so stressig ist gerade. Und weil sie, wie du ja ebenfalls bemerkt hast, etwas Lebendiges hier reinbringt.“

John Aubrey dachte nach. Dann holte er theatralisch aus: „Mein Herr Pfundeisen, lasst mich mit einer Geschichte aus meinem eigenen, bewegten Leben antworten. Wie ihr wisst, war ich zu Lebzeiten den Frauen ebenfalls nicht abgeneigt. Und auch ich befand mich einmal in einer recht ähnlichen Situation. Also die Situation war natürlich nicht gleich, aber durchaus vergleichbar, zumindest im Ansatz. Mit dem einen Unterschied, oder vielleicht waren es auch mehrere Unterschiede… Es handelte sich eher um eine Menage a Trois, eine etwas verzwickte Sache mit einer Comtesse und ihrer Cousine und letztendlich ging es gar nicht um eine Freundschaft, es war mehr…“ Er überlegte. „Bei genauerer Betrachtung kann ich euch in dieser Sache wohl doch nicht behilflich sein!“ Er zuckte mit den Schultern. Aaron musste lachen. Und John Aubrey stimmte lauthals mit ein.

Wie es dazu gekommen war, wusste Aaron wieder einmal selbst nicht mehr. Er gewöhnte sich langsam daran, dass die Dinge im Antikhof Pfundeisen einfach so passierten. Denn eine Stunde später, nachdem John Aubrey einige nicht jugendfreie Anekdoten aus seinem Liebesleben zum Besten gegeben hatte, befanden sich die beiden Männer ein weiteres Mal im Kellergeschoss. Aaron wollte das alte Klavier nach oben holen, um damit weiter üben zu können. Er hatte sich felsenfest in den Kopf gesetzt, den Kanon D-Dur von Pachelbel zum Sommerfest in meisterlicher Vollendung auf eben jenem Klavier zum Besten zu geben. Im Gedenken an die erlöste Seele von Matthias, dem man zu Lebzeiten so übel mitgespielt hatte.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, wieder in genau dem Gang zu stehen, in dem in der Nacht zuvor eine gestrandete Seele ins Licht gegangen war. Er versuchte, das angekokelte Klavier umständlich auf zwei Möbeltransportbrettern mit mäßig stabilen Rollen schwankend in Richtung Fahrstuhl zu manövrieren. Sie hatten etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, als zwei oder drei Dinge gleichzeitig geschahen: Aaron nahm etwas wahr, erinnerte sich an etwas und wurde sich einer Sache bewusst.

Aaron sah und hörte eine schattenhafte Bewegung in einem der Gänge ganz in ihrer Nähe. Abrupt hielt er inne und starrte in die entsprechende Richtung, konnte jedoch nichts mehr erkennen. Doch in diesem Moment erinnerte er sich an den Salzkreis, der einmal um den schwarzen Spiegel gelegt und dann vor kurzem verwischt worden war. Wie hatte er diese Tatsache nur vergessen können? War in jener Nacht wirklich etwas aus der anderen Dimension durch den schwarzen Spiegel in den Keller gelangt und schlich nun durch die Gänge? Und, was viel wichtiger war: Hatte er diesem Etwas jegliche Chance auf eine Rückkehr genommen, indem er eben jenen schwarzen Spiegel zerstört hatte? Ihm lief ein Schauer über den Rücken. Er konnte mangels Erfahrung mit dem Übersinnlichen nicht einschätzen, was das zu bedeuten hatte. Von einem unerheblichen Missgeschick bis zur potenziellen Zerstörung der bekannten Welt hielt er alles für möglich.

„John?“ Dieser hatte Aarons Stimmungswechsel bemerkt und war besorgt herangetreten. „Mein Herr Pfundeisen, ist euch nicht wohl?“ Aaron schluckte: „John, wir haben da möglicherweise eine Kleinigkeit übersehen. Der schwarze Spiegel, der Salzkreis, die Spuren… Du erinnerst dich doch auch?“ Johns bleiches Geistergesicht verlor sein letztes bisschen Farbe und er bekreuzigte sich und murmelte erschrocken: „Oh heilige Mutter Gottes, steh uns bei! Wie konnten wir das übersehen? Wir müssen den Keller evakuieren und alle Eingänge versiegeln und sie nie wieder öffnen! Kommt, schnell!“

Für einen Moment folgte Aaron Johns Gestalt im Laufschritt, dann hielt er jedoch inne. „John! Bleib mal stehen!“ John Aubrey folgte dieser Bitte nur zögerlich. Nervös blickte er sich um. „John, lass uns mal logisch nachdenken! Wenn hier etwas Gefährliches herumschleichen würde. Hätte es uns nicht schon mehrfach aus dem Hinterhalt erledigen können? Hätte es nicht sogar schon mehrfach die Gelegenheit gehabt, aus dem Keller nach oben zu gelangen?“ John Aubrey dachte nach. „Nun, im Grunde ja, jedoch reicht mir diese Tatsache bei weitem nicht aus für eine generelle Entwarnung. Unter Umständen könnten wir aber einen Moment innehalten und nachdenken. Wäre euch damit gedient?“

Aaron schaute sich nachdenklich um. Dann, ohne weitere Vorwarnung, rief er laut, so dass seine Stimme von den vielen Fluren weit getragen und gleichzeitig mehrfach reflektiert wurde: „Hallo du! Willkommen in unserer Welt! Wir tun dir nichts, du darfst dich gerne zeigen! Ich bin Aaron und bei mir ist John. Wenn du dich fragst, wie du wieder nach Hause kommst… Naja, das ist eine etwas ungeschickte Sache, aber da gibt es bestimmt auch Lösungen dafür. Aber da müssten wir uns wahrscheinlich kurz besprechen, das wäre kein Problem, also komm doch einfach mal her, wir stehen hier, du hörst ja, wo wir ungefähr sind!“ Die letzten Worte verhallten, Johns Augen waren weit aufgerissen. Mit angehaltenem Atem warteten die beiden in der Stille des Kellers. Da war wieder etwas zu hören. Ein leises Rascheln, nicht weit entfernt. Es kam von rechts. Aaron lief schnellen Schrittes los. Hatte er einen flüchtigen Moment sogar einen Schatten gesehen, der sich hastig zurückgezogen hatte?

Woher er den Mut in dieser Nacht nahm, wusste Aaron nicht genau. Er war aber nicht gewillt, den Keller zu verlassen, ohne mit dem Etwas aus der anderen Dimension in Kontakt getreten zu sein. Wie auch immer dieser Kontakt aussehen mochte. Das Rascheln kam dieses Mal von links. In dieser Richtung lag ein langer, schmaler Korridor, der sich in völliger Dunkelheit verlor. Und für den Bruchteil einer Sekunde blitzten genau dort, ganz hinten, zwei helle Punkte auf, die sich wie zwei glühende Augen auf ihn zu richten schienen, bevor sie lautlos wieder verschwanden. Leise, schnelle Schritte waren einen kurzen Moment später zu hören. Dann herrschte wieder atemlose Stille. Bis zu dem Moment, in dem ein schriller Schrei dieselbe gnadenlos zerriss. In Aaron rangen Fluchtreflex und Helferinstinkt um die Wette. Letzterer gewann. Und erst während er sich bereits auf den Weg gemacht hatte, realisierte er, dass es John gewesen sein musste, der so geschrien hatte. Etwas musste ihn angegriffen haben.

Hastig lief er bis zur nächsten Abzweigung, hielt sich nach rechts, wo er die Quelle des Schreis vermutete. Da, am Ende des Ganges stand tatsächlich John in gebückter Haltung mit dem Rücken zu Aaron. Konnte man einen Geist überhaupt angreifen? Hatte John ihm dazu schon Informationen gegeben? Aaron konnte sich nicht erinnern. John richtete sich sehr langsam auf, die Arme hielt er dabei merkwürdig verkrampft vor seinem Oberkörper. Was war mit ihm geschehen? John drehte sich langsam um und sah Aaron entgegen. Dieser brauchte einen Moment, um zu realisieren, welcher Anblick sich ihm bot: John lächelte selig und hielt etwas Schwarzes, Plüschiges auf dem Arm. War das – ein Tier?

„John, was ist passiert?“ John streichelte derweil gedankenverloren dem kleinen, schwarzen Etwas über den Kopf. „Mein Herr Pfundeisen, ich meine, ich habe den kleinen Eindringling gefunden. Wollen wir ihn Sylvester nennen?“ Aaron blinzelte ungläubig. Ein kleiner, schwarzer Kater hing entspannt in Johns Armen, ließ sich gerade das Kinn kraulen und begann zu schnurren. Im nächsten Moment schnappte er mit seinen kleinen, spitzen Zähnen nach Johns Hand, konnte diese aber natürlich nicht erwischen. Dies schien ihn sehr zu verwundern und er ließ sich in Ermangelung einer Alternative einfach weiter streicheln und schien über diese ungewöhnliche Erfahrung nachzudenken.

Aaron zeigte mit dem Finger auf den kleinen Kater namens Sylvester. „John, wieso? Wie?“ John blickte ihn verwundert an: „Oh, ihr scheint mir nicht zugetraut zu haben, dass ich ein Katzenliebhaber bin? Nun, ich bewundere ihre Willensstärke und ihre Unabhängigkeit. Und ihre Unberechenbarkeit und Freiheitsliebe. Die Attribute, die auch mich selbst ganz gut beschreiben!“ Er lächelte weiter zufrieden. Aaron räusperte sich. „Nein, John. Du kannst keine Lebewesen halten, Geistergesetze, erinnerst du dich? Hast du mir selbst erzählt! Alles, was lebt, entzieht sich deiner Kontrolle!“ John stutzte. „Oh, richtig, da war ja was. Nun, das ist aber nicht ganz korrekt. Was ich sagte, war nicht, dass ich keine Lebewesen berühren kann. Der genaue Wortlaut war – doch das macht die Situation hier sicherlich nicht weniger skurril – dass ich nichts greifen oder manipulieren kann, dem eine Seele innewohnt!“

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An dieser Stelle muss sich er geneigte Leser nun erst einmal gedulden - das nächste Kapitel ist zwar bereits in Arbeit, aber offensichtlich noch nicht fertig gestellt...